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Rafiki

24.01.2019 15:19

Regie: Wanuri Kahiu; mit Samantha Mugatsia, Sheila Munyiva; Kenia 2018 (Salzgeber); 83 Minuten; ab 31. Januar im Kino

Der Film der kenianischen Regisseurin Wanuri Kahiu schlug schon lange, bevor er hierzulande im Kino zu sehen ist, hohe Wellen. Noch bevor er als erster kenianischer Film bei den Festspielen in Cannes seine Premiere feierte, war er wegen der Darstellung von Homosexualität in Kenia verboten worden. Der Leiter des sogenannten Kenya Film Classification Board, Ezekiel Mutua, hatte fachmännisch geurteilt, »Rafiki« legitimiere und normalisiere Homosexualität, was »nicht akzeptabel« sei.

Man habe, so erzählte Kahiu dem »Hollywood Reporter«, von ihr verlangt, das Ende »weniger hoffnungsvoll« zu gestalten, was sie schließlich abgelehnt habe. Als jedoch eine Oscar-Bewerbung im Raum stand – die Regularien verlangen, dass ein nominierter Film mindestens sieben Tage im Land der Produktion im Kino zu sehen gewesen sein muss –, entschied eine kenianische Richterin, dass der Film in Kenia gezeigt werden müsse – für exakt sieben Tage. Die Vorführungen waren ausverkauft, eine Oscar-Nominierung erhielt »Rafiki« (Swahili für Freund oder Freundin) aber nicht. Dafür wird Kahius nächstes Projekt eine echte Hollywood-Produktion – sie soll für Universal Pictures/Working Title bei dem Liebesfilm »Covers« Regie führen.

Dass Hollywoods Scouts auf die Kenianerin aufmerksam wurden, ist kaum verwunderlich. Kahiu hat mit ihrem Debüt »From a Whisper« und »Rafiki« bereits einen eigenen, durchaus innovativen Stil entwickelt. Der Trick besteht darin, das filmische Erzählen auf das Nötige zu reduzieren, ohne dabei in Minimalismus zu verfallen. So zwinkert »Rafiki« durchaus in Richtung Pop- und Popcornkino, etwa durch Musik- und Tanzeinlagen wie dem kleinen Leitmotiv einer Choreografie dreier Freundinnen, die mit entsprechenden Beats unterlegt, aber eben nicht perfektioniert ist, sondern spielerisch und unfertig bleibt. Diese gewollte Unfertigkeit dominiert den Film. Genauso wie bei den Tanzeinlagen wartet man bei den kurz angebundenen Dialogen und den Schauspielleistungen auf Perfektion. Vieles wirkt hölzern, manchmal zufällig und improvisiert, oft erinnert die Inszenierung eher an open air abgefilmtes Theater als an einen durchgestylten Kinofilm. Auch auf Pathos, bedeutungsvolle Gesten und moralische Parteinahme verzichtet Kahiu weitgehend und legt so die eigentliche Geschichte frei, lenkt die Aufmerksamkeit auf das, was hier verhandelt und erzählt werden soll, und die formale Bemühung um »Echtheit« findet innerhalb der Erzählung ihren Widerhall in der Sehnsucht der beiden Frauen nach »Echtsein«. So schafft es »Rafiki«, in relativ kurzer Spielzeit nicht nur eine Liebesgeschichte zu erzählen, sondern auch Politisches zu diskutieren. Und bald wird klar, dass die bunte, fröhliche Ästhetik ebenso wie die zurückgenommene Inszenierung Funktionen erfüllt. Der Film verkündet nämlich vor allem: Homosexuelle Liebe ist so normal wie jede andere Emotion. Es gibt daran weder etwas zu verteufeln noch zu romantisieren. Und Afrika ist keine dunkle Hölle potentieller Opfer und Unterprivilegierter, sondern ein fröhlicher Ort mit progressiven jungen Leuten, die für sich und ihre Welt verantwortlich sein und sie verändern wollen. Afro-Bubblegum ist der von Kahin geprägte Begriff dafür.

Das mag für mitteleuropäische Ohren banal klingen, die Botschaft an die ehemaligen Kolonialherren, die Sache nicht allzu selbstgerecht zu betrachten, hat Kahiu allerdings nicht vergessen. Denn dass die beiden Protagonistinnen, Töchter zweier rivalisierender Lokalpolitiker, ihre sich langsam entwickelnde Zuneigung verstecken müssen, dass sie, nachdem sie bei einer Liebesnacht gestört und enttarnt werden, mit sowohl gewalttätiger als auch sozialer Repression bestraft werden, ist auch, daran lässt der Film keinen Zweifel, dem importierten Christentum zu verdanken. Der Dorfpriester hetzt gegen jede Form gleichgeschlechtlicher Liebe, und die Mutter der zentralen Figur Kena (Samantha Mugatsia in ihrem Schauspieldebüt) ist derartig religiös verblendet, dass sie in der Tochter Dämonen am Werk sieht und schließlich eine Art Teufelsaustreibung veranlasst. Mit der unempathischen Mutterfigur ist ein weiteres wichtiges Thema des Films bereits angedeutet: die Selbstregulierung der Frauen. Diese werden nicht aus der Verantwortung entlassen, »Rafiki« entschuldigt das repressive Verhalten seiner Frauenfiguren nicht damit, dass sie selbst patriarchale Repression erfahren haben, sondern beharrt darauf, dass auch die Unterdrückten für ihre Haltung selbst verantwortlich sind. Für Kenas Mutter wäre es ein Leichtes, zumindest im privaten Verhältnis zu ihrer Tochter über den eigenen Schatten zu springen und deren sexuelle Orientierung zu akzeptieren. Um ganz klar zu machen, dass humanes Verhalten keine Geschlechterfrage ist, inszeniert Kahiu Kenas Vater als liebevollen, emotionalen und vor allem liberalen Mann, der seiner Tochter beisteht, ohne sich in ihre Sexualität einzumischen. Die Kioskbesitzerin Mama Atim hingegen repräsentiert eine übergriffig-neugierige, niederträchtige Öffentlichkeit, sie ist gewissermaßen die »Bildzeitung« des Viertels.

Dabei bleibt die Erzählung immer nah an Kena und ihrer Freundin Ziki (Sheila Munyiva), die Regisseurin rückt den Darstellerinnen bevorzugt in Nahaufnahmen auf die Pelle, insbesondere in den intimen Szenen; auf nackte Haut und wilden Sex verzichtet sie jedoch weitgehend.

Kahiu selbst erklärte, die Kurzgeschichte »Jambula Tree« der ugandischen Autorin Monica Arac de Nyeko über zwei lesbische Mädchen habe sie zu dem Film inspiriert, sie habe sich »verpflichtet« gesehen, »diese beiden wunderschönen Afrikanerinnen in ihrer Liebe zu zeigen«. Das ist gelungen. Die 83 Minuten vergehen wie im Flug.

Nicolai Hagedorn  

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