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Push - Für das Grundrecht auf Wohnen

20.06.2019 15:45

Regie: Fredrik Gertten; mit Leilani Farha, Saskia Sassen; Schweden 2019 (Mindjazz); 92 Minuten; ab 6. Juni im Kino

 Als die Münchner im Sommer 2018 auf die Straße gingen, wurde immer wieder die bayerische Verfassung zitiert: »Jeder Bewohner Bayerns hat Anspruch auf eine angemessene Wohnung. Die Förderung des Baues billiger Volkswohnungen ist Aufgabe des Staates und der Gemeinden.« Im Grundgesetz dagegen ist die Wohnung nur »unverletztlich « – das war’s. Und da Bundesrecht Landesrecht bricht und das Eigentum im Kapitalismus über allem steht, interessiert die Sache mit der Wohnung die Verfügenden einen Scheißdreck.

Dass das Problem freilich keins der bayerischen Landeshauptstadt allein, sondern unzähliger Städte weltweit ist, dokumentiert der schwedische Journalist Fredrik Gertten in »Push«. Schon der Untertitel »Für das Grundrecht auf Wohnen« macht klar, dass es hier nicht um eine hübsch abfotografierte Zustandsbeschreibung geht, die gelangweilte Bürger Sonntagnachmittag ins Kino locken soll. Es geht um eine Forderung.

Wie drastisch die Lage weltweit ist, weiß unter anderem Leilani Farha, Rechtsanwältin und UN-Sonderberichterstatterin für angemessenes Wohnen. Eine Grafik auf ihrem Computer illustriert, wie die Löhne gleichbleiben, während Mietkosten und Grundstückspreise in den Himmel schießen. Der Hochhausbrand 2017 in London ist für sie »die augenblickliche Geschichte der Welt«. Das Feuer im Sozialwohnungsbau kostete 72 Menschen das Leben.

Unweit davon befindet sich die blaue Tür von Notting Hill, bekannt durch die gleichnamige Liebeskomödie und Symbol für die Londoner Gentrifizierung. Neben der Tür ist das Nagelstudio Posh Nails. Posh ist auch das Wort für schick und nobel. Ein Mann erzählt von seinem Leben. Die Sonne scheint, das hippe Multikultiquartier strahlt. Schließlich kommt heraus: Er und seine Frau haben den Brand überlebt, liefen über Leichen nach draußen. Ganz nah am In-Viertel verbrannten Menschen. Eine an den Rand gedrängte Schicht, die in einem maroden Anwesen lebte, das zur Todesfalle wurde. Hier bringt Gertten all den Wahnsinn gut auf den Punkt.

Dumm nur, dass der Protagonistin Farha ein Denkfehler unterläuft. »Ich glaube nicht, dass Kapitalismus an sich wirklich problematisch ist.« Diesem Irrtum sind schon viele erlegen. Das Eigentum ist heilig. Doch solange es das bleibt, wird es Wohnungsnot geben.

Katrin Hildebrand


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