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Once upon a Time … in Hollywood

22.08.2019 15:29

Regie: Quentin Tarantino; mit Leonardo DiCaprio, Brad Pitt; USA 2019 (Sony); 161 Minuten; seit 15. August im Kino

Roman Polanskis charmante Gruselkomödie »Tanz der Vampire« sah ich 1967 in einem Bielefelder Kino; oder lass es 1968 gewesen sein, ich war jedenfalls noch keine zehn. Was für ein Vergnügen! Alfred, den herrlich verpeilten Assistenten des trotteligen Vampirjägers, fand ich total witzig. Und in die schöne Sarah war ich von ihrem ersten Auftritt an verliebt, da sah man sie ein Schaumbad nehmen.

Dass es sich bei Alfred um Roman Polanski und bei Sarah um seine Frau Sharon Tate handelte, ist mir erst nach Tates Ermordung durch die Manson-Family 1969 bewusst geworden. Das war ein so welterschütterndes Verbrechen, dass selbst ich, gerade mal elf, bestens darüber informiert war – wenn auch nur dank einiger Zeitschriften, die mein älterer Bruder damals in der Nachbarschaft austrug. So lagen jede Woche die neuesten Ausgaben von »Quick«, »Neue Revue«, »Praline« und weiteren dieser sogenannten Soraya-Titel bei uns im Keller. Und ich beeilte mich, alle heimlich durchzuackern, bevor mein Bruder sie zu den Abonnenten karrte. Die Abbildungen der nackten Frauen verblassten geradezu angesichts der plötzlich mit den verstörendsten Details aufwartenden Berichte über die Manson Family, ihre Sexorgien, ihre Morde. Es war eine prickelnde Mischung aus Abscheu und Erregung, die mich Kindskopf das alles gierig verschlingen ließ.

Als Quentin Tarantino mit sieben oder acht erstmals von Manson hörte, habe ihm sein Stiefvater geraten, sich keine Gedanken über den zu machen. Hat er aber doch – und die Family 50 Jahre später in sein filmisches Schaffen eingeflochten. So sind sie mir in »Once upon a Time … in Hollywood« alle wieder begegnet: Der alfredjunge Polanski (gespielt von Rafał Zawierucha) in einem albernen kleinen Auto, neben ihm die atemberaubend schöne Sharon Tate (Margot Robbie), und die Straße, die sie im Film hochknattern, ist jener Cielo Drive in Hollywood, auf dem Tate, ihr ungeborenes Baby und vier weitere Menschen gemeuchelt wurden; dann schiebt sich unverkennbar, wenn auch bedrückend gut aussehend, Charles Manson (Damon Herriman) ins Bild und später der durchgeknallte Rest der bei ihrem ersten Auftritt gar nicht so berüchtigt wirkenden Hippiebande. Da erinnerten sie eher an harmlos anmutende junge Nachhaltigkeitszausel, wie ich sie neulich in Lüneburg beim Containern beobachtete.

Aber Tarantinos neunter (und womöglich vorletzter) Film ist keiner über die Manson-Family, wie er es mal geplant hatte. Er bindet sie lediglich als Realitätsanker in die fiktive Handlung seiner Hommage ans Hollywood der fünfziger und sechziger Jahre ein. Die Protagonisten sind zwei ganz andere Arschlöcher, von denen sich das eine, der abstiegsbedrohte Serienschauspieler Rick Dalton (Leonardo DiCaprio), sehr bald als gar nicht mal so unsympathisch entpuppt, während das andere, Cliff Booth, auch nach den 160 Minuten des Films nicht angenehmer rüberkommt. Was nicht nur an dem aufgesetzten Schwengeltum liegen dürfte, mit dem Brad Pitt ihn ausstattet, sondern auch an dem erbärmlichen Abhängigkeitsverhältnis, das ihn als Ricks langjähriges Stuntdouble so eng an diesen bindet, dass er ihm sogar privat den Stuntman machen muss.

Am Beispiel von Ricks (und damit Cliffs) beruflichem Niedergang zeigt Tarantino den gravierenden Wandel, der sich Ende der Sechziger im US-Filmgeschäft vollzieht. Die Ära der knapp halbstündigen Agenten-, Cowboy- oder Raumfahrerfernsehserien, deren größter Fan Tarantino schon immer war (angeblich will er sich demnächst an einer Neuauflage versuchen), geht unweigerlich zu Ende. Ihre Heldendarsteller werden aussortiert oder, wie es Rick nach dem Aus der von ihm mitberittenen Westernserie »Bounty Law« widerfährt, nur noch in minderwertigen Produktionen als Schurken besetzt. Die aufwendig und detailverliebt inszenierten Szenen vom aufreibenden und glanzlosen Arbeitsalltag des gefallenen Hollywood-Helden gehören zu den faszinierendsten Momenten des Films.

Den alten Serien huldigt Tarantino nicht nur durch Rückschauen, sondern auch, indem er etliche Stilelemente in die eigene Bildsprache einbaut. Etwa den spektakulären Reitergalopp durch die Steppe, die übertrieben reifenquietschende Schleuderfahrt mit dem Sportwagen oder auch diese Unmöglichkeit, dass ein Driver, während er seine Karre durch dichten Stadtverkehr lenkt, im Gespräch mit seiner Beifahrerin gefühlte Ewigkeiten lang zu ihr rüberblickt, ohne dass ein Unfall passiert.

Aber was des einen Niedergang, ist des anderen Aufstieg. Wer wüsste das besser als Tarantino, der in den Neunzigern selbst für einen Umbruch in Hollywood sorgte. Ende der Sechziger waren es junge Regisseure wie Polanski und aufsteigende Sterne wie Tate, die die Auslaufformate der Ricks und Cliffs zu erledigen halfen. Tarantino gönnt Tate diesen Erfolg, indem er sie in einer wirklich bezaubernden Szene einen ihrer letzten großen Leinwandauftritte ausgiebig genießen lässt. Polanski dagegen tritt nicht weiter in Erscheinung. Wenn Cliff allerdings das Blow-Job-Angebot eines Mädchens ablehnt, weil es ihm nicht seine Volljährigkeit nachweisen kann, kommen einem unweigerlich die neuen Missbrauchsvorwürfe gegen Polanski in den Sinn. Wenn das der Kommentar Tarantinos, der nach dem Skandal um Harvey Weinstein zu Sony Pictures gewechselt ist, zu #Metoo sein soll, dann soll ihn der Manson holen.

Davon abgesehen ist dem Regisseur zu einem Zeitpunkt, an dem die Branche wieder in einem epochalen Wandel begriffen ist, ein wunderbar opulenter, verdammt kurzweiliger und streckenweise sehr  komischer Film gelungen, der fürs Kino und nicht fürs Streamen gemacht ist. Die Mäkeleien einiger Vor-dem-Abspann-Geher wegen angeblich mäandernder Handlungsstränge, mangelnder Charakterentwicklungen oder Fehlbesetzungen kann man getrost vergessen.  

Fritz Tietz

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