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Mr. Gay Syria

04.09.2018 14:22

Regie: Ayse Toprak; Türkei/Deutschland/ Malta 2017 (Coin Film); 87 Minuten; ab 6. September im Kino

Das Thema Schwulsein in der muslimischen Welt wird viel zu selten behandelt. Dass sich dieser Dokumentarfilm auch noch auf eine Gruppe schwuler junger syrischer Flüchtlinge konzentriert, sollte ihm eigentlich zum Vorteil gereichen, doch »Mr. Gay Syria« wird seiner Rolle als aufklärerischer Film nur teilweise gerecht.

Ayse Toprak folgt einer Gruppe junger Männer auf ihrem Weg zur Wahl zum »Mr. Gay Syria« in Istanbul und darüber hinaus. Der Wettbewerb findet in einem kleinen dunklen Raum mit Laufsteg statt. Zuschauer gibt es wenige, man will keine Werbung machen; der IS sitzt, wie der heute in Berlin lebende Mahmoud, Gründer der syrischen LGBTI-Bewegung, sagt, überall.

Das Geschehen erinnert an den Film »Paris is Burning« über die queere Ballroom-Kultur im New York der Achtziger, der Rahmen für die Geschichte ist jedoch enger. Um die Erfahrungen der Männer greifbar zu machen, setzt die türkische Filmemacherin auf Intimität. Die Kamera scheint der Hauptfigur Husein, der in Istanbul als Friseur jobbt und nach außen hin ein braves Leben als Familienvater führt, und seinen Freunden nicht von der Seite zu weichen. Man kann sich schwer von den emotionalen Szenen distanzieren, die sich nur wenige Meter vor der Kamera abspielen. Geburtstagsfeiern mit Lebenspartnern via Skype, Telefonate über abgelehnte Visa, es wird viel geweint – zu Recht. Sicher auch im Kinosaal.

Durch die emotionale Nähe büßt der Film allerdings Perspektive ein. Man hat einerseits das Gefühl, dabeizusein, gewinnt andererseits keinen Überblick über die Gesamtsituation der LGBTI-Flüchtlinge und kann ihre Lage kaum nachvollziehen. Manchmal fällt es schwer, auszumachen, wohin wir die Männer gerade begleiten. Oft wirkt es, als wäre die Kamera zufällig zugegen, was zwar authentisch wirkt, aber wenn wir etwa Mahmoud nach Deutschland folgen, erfahren wir kaum etwas über seine Arbeit als Aktivist. Husein wiederum pendelt zwischen Familie und Freunden, vertrieben aus einem Land, in dem er wegen seiner Sexualität verfolgt wurde, angekommen in der Türkei, wo er auch keineswegs sicher ist. Möglich, dass der Film genau dieses Gefühl von Ortlosigkeit vermitteln will. Er macht Menschen sichtbar, die in Deutschland fast nicht wahrgenommen werden – eine kleine Gemeinschaft, die sich nicht unterkriegen lässt.

Leon Gerleit

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