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Midsommar

27.09.2019 10:27

Regie: Ari Aster; mit Florence Pugh, Jack Reynor; USA 2019 (Weltkino); 147 Minuten; seit 26. September im Kino

»Haiti? Was wollen wir mit Leuten aus Haiti?«, fragte der Präsident der Vereinigten Staaten seine Mitarbeiter letztes Jahr bei einer Immigrationskonferenz im Oval Office. »Warum wollen wir denn Leute aus diesen ganzen Dreckslöchern hier bei uns? Wir sollten mehr Leute aus Ländern wie Norwegen herholen.« Diese beiläufig geäußerte Menschenverachtung, eine von vielen Ungeheuerlichkeiten aus Trumps Amtszeit, fasst den unverhohlenen Rassismus seiner Regierung trefflich zusammen: Haiti steht hier für den nichtweißen Teil der Welt, ein mit Dreck, Krankheit und Ruin assoziiertes »shit hole«; auf der anderen Seite Norwegen als Vertreter Skandinaviens, des weißesten Landstrichs der Welt.

Der ungewöhnliche Horrorfilm »Midsommar« lässt sich unter anderem als Reflexion über diese stumpf dualistische Weltsicht und die Annahme weißer, europäischer Kultur als Norm verstehen. Wie schon sein Debüt »Hereditary« ist Ari Asters Zweitwerk Teil einer andauernden Welle inspirierter, gesellschaftskritischer Horrorfilme, die Journalisten bereits mit dem unsinnigen Label »woke horror« versehen haben. Dabei ist Aster auf den ersten Blick deutlich weniger politisch motiviert als etwa sein Kollege Jordan Peele, der mit »Get Out« (5/17) und »Us« zwischen okkultem Horror und ätzender Satire pendelnde Abrechnungen mit bürgerlichem Alltagsrassismus gedreht hat.

Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich »Midsommar« aber als ebenso schwarzhumoriger, bitterböser Blick auf die Perversität der angeblich überlegenen europäischen Kultur; mag der Film zunächst wie typischer Teeniehorror wirken, geht er doch bald auf eine psychedelische Reise ins weiße Herz der Finsternis. Man folgt einer Gruppe amerikanischer Studenten auf einem Trip nach Schweden – nicht gerade ein Land, das im Genrefilm typischerweise für das grauenerregende Andere steht. Dafür müssen im US-Horrorfilm meist entweder die Länder südlich von Trumps Mauer herhalten – in »Borderland« (2007) Mexiko, in »Turistas« (2006) Brasilien – oder suspekte europäische Staaten wie die Slowakei in den xenophoben »Hostel«-Filmen. Auch Haiti und andere Karibikstaaten sind mit ihren Voodoo-Mythen eine gängige Projektionsfläche für die Ängste des hauptsächlich weißen Horrorpublikums. Skandinavien taucht im Mainstreamfilm sonst höchstens als Heimat für Märchengestalten wie Trolle und Feen auf.

Im Fokus von »Midsommar« steht die Studentin Dani (Florence Pugh), die nach einer Familientragödie schwer traumatisiert ist; ihr trantütiger Freund Christian (Jack Reynor) wollte sich eigentlich schon längst von ihr trennen, bringt es aber angesichts Danis fragilen Zustands nicht übers Herz. So schleift er sie betont lustlos mit auf eine anthropologische Studienfahrt, die er zusammen mit drei Kommilitonen – Josh, Mark und Pelle – antritt. Die Gruppe reist in Pelles schwedisches Heimatdorf, in dem in diesem Jahr ein mehrtägiges traditionelles Mittsommerfest stattfinden soll. Pelles Familie gehört einer kleinen Gemeinde an, die noch immer nach den alten Bräuchen und Gesetzen der vorchristlichen Zeit lebt – wie zu erwarten, nehmen die Rituale und Festivitäten dort schon bald morbide Züge an.

Stand für Asters Debüt »Hereditary« eindeutig Roman Polańskis »Rosemarys Baby« Pate, hat er sich für seinen zweiten Film an einem anderen Klassiker des Genres orientiert, nämlich an Robin Hardys britischem Folk-Horror-Meisterwerk »The Wicker Man« (1973) über eine heidnische Inselgemeinschaft. Aster kreiert in »Midsommar« eine ähnlich liebevoll ausgestattete, in sich abgeschlossene Filmwelt, in der man sich trotz der ausufernden Laufzeit gerne aufhält: Mit perfekt abgestimmten Pastellfarben und geschmackvollen Blumenarrangements inszeniert Aster sein Setting als Klischee eines ländlichen, nordischen Idylls (und das, obwohl er den Film in Ungarn drehte!) und bevölkert es mit blonden Skandinaviern in wallenden weißen Gewändern. Wenn diese makellose Welt urplötzlich Blutspritzer tränken, ist die Schockwirkung umso größer – und es kommt einer symbolischen Entzauberung gleich. 

Europäischer Folk-Horror im Stil von »The Wicker Man« ist immer auch eine Auseinandersetzung mit dem Fremden im vermeintlich Bekannten, eben etwa den blutrünstigen Bräuchen europäischer Frühzeit und ihrer rationalisierten Fortsetzung unter christlicher und imperialistischer Ägide: Wir selbst sind die »Wilden«, nicht die vermeintlich exotischen Anderen. Dass Aster den Protagonisten Josh, der seine Doktorarbeit über das Mittsommer-Spektakel schreiben will, mit dem afroamerikanischen Schauspieler William Jackson Harper besetzt, ist natürlich kein Zufall: Die Ursprünge weißer Kultur selbst stehen hier auf dem Prüfstand und werden mit grimmigem Humor als zutiefst pathologisch enttarnt.

Auch wenn Aster einige Elemente des Genres dann doch zu bereitwillig bedient, überzeugt sein Film als Horrorgroteske sowie als Verballhornung der Ikonografie skandinavischer Folklore, die Rassisten auf der ganzen Welt noch immer als Schablone für vermeintliche »White Supremacy« dient. Einer dieser Rassisten sitzt im Weißen Haus. 

Tim Lindemann

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