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Mackie Messer

04.09.2018 14:41

Regie: Joachim A. Lang; mit Lars Eidinger, Hannah Herzsprung; Deutschland/Belgien 2017 (Wild Bunch); 130 Minuten; ab 13. September im Kino

Bert Brecht geht’s supi: Seine prima »Dreigroschenoper« ist voll der Welterfolg – und jetzt soll das Stück ins Kino, der Ausnahmedramatiker wird die Vorlage für das Drehbuch liefern … Tja, die Pläne gab es wirklich, der Film wurde sogar 1931 in zweifacher Ausfertigung fertiggestellt. Zuvor war er allerdings Gerichtsgegenstand: Die Produktionsfirma warf der Vorlage eine ausgesprochen politische Tendenz vor und kündigte dem Autor. Sehr lustig. Brecht und sein Komponist Kurt Weill erwirkten daraufhin ein Aufführungsverbot.

Unterm Strich war das fast schnuppe: 1933 wurde der Film verboten; den Nazis war es egal, von wem er letztlich stammte. Gleichzeitig landeten Brechts Bücher sowieso auf dem Scheiterhaufen.

Regisseur Joachim A. Lang lässt die Kinogeschichte der »Dreigroschenoper« in seinem Film »Mackie Messer« wieder aufleben, es hilft ihm ein gerüttelt Maß Personal und Instrumentarium deutschen Vorabendprogramms und/oder deutscher Topbühnen. Joachim Król! Lars Eidinger! Hannah Herzsprung! Peri Baumeister! Wilde Zwanziger! Absinth! Rauchen (nackt)! Nach einer Stunde kriegt man Lungenkrebs allein vom Zuschauen.

Auch anderes sorgt bisweilen für Ungemach. Denn die Weillsche Kompositionskunst lädt nicht erst seit ihrem bahnbrechenden Missbrauch durch den Musiker Sting zum vorschnellen Overacting ein. »Ja, der Haaaaiiifisch, der hat Zähne …« (R rrrollen!). Max Raabe gibt’s als Sahnehäubchen oben drauf.

Aber man lernt auch was für den Deutschunterricht: Geht doch Tobias Moretti als Mackie öfter mal steil mit dem V-Effekt. Du hast den Bettlerchefunternehmer, den Großkriminellen, der in den Adelsstand erhoben wird – sie werden perfekt ausagiert. Volle Pulle antikapitalistische Gesellschaftskritik und schöne Kostüme – Kommunismus als bürgerliches Trauerspiel.

Ein bisschen augenfällig all das, na gut: Der Film hat was von gesungenem Linksparteitag, und wenn man lange genug hinstarrt, sind Brechts Freundinnen sogar ein bisschen lookalike Katja Kipping und Sahra Wagenknecht. Na, wenn das nicht aktuell ist! Ohne Musik wär’s ein toller Film. Ist natürlich doof für einen Musikfilm.

Jürgen Kiontke

 

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