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Luft zum Atmen. 40 Jahre Opposition bei Opel in Bochum

02.05.2019 14:00

Regie: Johanna Schellhagen; Deutschland 2019 (Sabcat Media); 70 Minuten; ab 2. Mai im Kino

Streik in Deutschland? Das wird nur was, wenn die Arbeitenden vorher in die Gewerkschaft eintreten. Die Mitgliedschaft ist die Bahnsteigkarte des Arbeitskampfs, alles andere gilt dem deutschen System der Interessenvertretung als nicht rechtens. 15 Jahre sind vergangen, seit 2004 die Opelaner in Bochum die Bänder stoppten. Wilder Streik: Nach sechs Tagen hatten ihre starken Arme tatsächlich die Weltmarktproduktion empfindlich getroffen, mehrere Werke des Mutterkonzerns GM standen still. Sechs Tage Produktionsausfälle für die Konzerne, so der Reflex der Medien, die über die sechs Tage Lohnausfall für die Streikenden hinweggingen. Streikkasse? Ohne Bahnsteigkarte kein Zugang. Wilde Streiks sind damit auch immer Ausdruck von Belegschaften, denen es im Wortsinn ums Ganze geht.

»Luft zum Atmen« dokumentiert die lange Vorgeschichte dieses institutionell nicht vorgesehenen Kampfes. Sich gegen die Verrechtlichung der Verhältnisse zu stellen, das taten zuletzt vor allem Migranten in den Siebzigern. Davon inspiriert, gründete 1972 eine Handvoll Arbeiter bei Opel in Bochum die Gruppe oppositioneller Gewerkschafter (GoG). Der Film folgt ihren Erzählungen. Die Regisseurin Johanna Schellhagen und die Produktionsfirma Labournet.tv interessiert das klassenkämpferische Moment, das sich immer am Stand der Produktivkräfte abarbeitet. Die Zwischentitel taktieren in doppelter Weise: als Hintergrundinformation und Verbindungsglied zwischen Zeitzeugen und dokumentarischem Material. Entstanden ist eine dichte Beschreibung der Kämpfe, seit den neunziger Jahren vor allem gegen Standorterpressung.

Teile und herrsche ist kein Diskurs, sondern materialisiert sich in den Fabriken, am Arbeitsplatz, sehr direkt. Damals noch nicht digital, aber auf großen Schautafeln für alle sichtbar: die Tabelle der Lohnunterschiede. Mexiko schafft für elf Prozent des deutschen Lohns. Vom Versuch, diesem Druck des Kapitals standzuhalten, im Kollektiv, auch und gerade gegen die Gewerkschaft, erzählt »Luft zum Atmen«, ganz im Geiste des großartigen Films »Finally Got the News« über die League of Revolutionary Black Workers im Detroit der Sechziger. Was für Detroit gilt, gilt auch für Bochum. 2014 war Schluss im Revier. Die Kämpfe müssen weitergehen.

Kendra Briken

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