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Les Sauteurs

23.11.2016 15:46

Regie: Abou Bakar Sidibé/Moritz Siebert/Estephan Wagner; Dänemark 2016 (Arsenal); 79 Minuten; seit 17. November im Kino

Sehnsüchtig blickt eine Handvoll Männer von einem Berg herunter auf den erleuchteten Hafen einer Mittelmeerstadt. »Eiyi- ei-yi-ei will always love you«, singt dazu LeAnn Rimes. Ihre Version des Songs der Country-Sängerin Dolly Parton, den Whitney Houston sehr bekannt gemacht hat, erklingt aus einem Telefon. Der sehr nahe Ort ihrer Träume ist für die Männer allerdings nur schwer erreichbar. Es ist Melilla, gelegen in Marokko, aber Teil von Spanien und damit Teil der EU. Diese Exklave ist das Ziel Ausreisewilliger aus dem subsaharischen Raum, die sich auf dem Berg Gurugú über der Stadt niedergelassen haben. Sie warten hier auf eine Gelegenheit, Melillas Grenzbefestigungen zu überwinden.

Ihren Alltag dokumentiert Abou Bakar Sidibé aus Mali in »Les Sauteurs«. Er selbst lebt, als er mit dem Dreh beginnt, bereits seit mehr als einem Jahr in den Wäldern auf dem Berg. Mit der Kamera ausgestattet haben ihn zwei deutsche Regisseure: Moritz Siebert und Estephan Wagner.

Die Menschen auf dem Berg leben unter freiem Himmel, regelmäßig dringt die Polizei in die sehr provisorischen Camps ein und verbrennt alles, was man im entferntesten Besitz nennen kann: Bettlaken, Planen, Lebensmittel. Das Leben ist bestimmt von der Aussicht auf die nächste Gelegenheit, »den Zaun« zu bezwingen. So nennen sie die Grenzanlage, obwohl diese aus drei bis zu acht Meter hohen Zäunen besteht.

Die Dokumentation zeigt, wie das Leben der Waldbewohner organisiert ist: Jede nationale Community hat eine eigene »Regierung«, die die lebensgefährlichen »Sprünge über den Zaun« im Detail plant. Man bekommt mit, wie die Gruppe um Sidibé ihren Unmut äußert über die vermeintlich falsche Strategie ihres »Präsidenten«.

Sidibé bekommt zwar dank seines in Valencia lebenden Bruders etwas von der Wirtschaftskrise in Spanien und von dem Umgang mit Geflüchteten in Europa mit. Trotzdem geht er davon aus, dass »auf der anderen Seite das Eldorado« auf ihn warte. Wer unvorstellbar gelitten hat in seinem Heimatland, auf der Flucht und im Wartezustand, muss das einfach glauben – das macht der Film beklemmend klar.

Sidibé reflektiert auch, wie sich sein eigenes Leben auf dem Berg dadurch verändert hat, dass er das Geschehen mit einer Kamera beobachtet. Ich filme, also bin ich – so kann man es zuspitzen. Als Kontrast zu Sidibés persönlichen Bildern von Elend, zermürbendem Trott und Tagträumereien setzen Siebert und Wagner abstrakte Wärmebilder der Überwachungskameras vor Ort ein. Sie zeigen, was an den Zäunen vor sich geht, wenn die Flüchtlinge nach Europa zu gelangen versuchen. Hier wird die verzweifelte Lage der Kletterer mindestens ebensogut greifbar wie in den Binnenansichten aus dem Camp. Das dürfte der Guardia Civil wohl nicht bewusst gewesen sein, als sie den Filmemachern die Bilder zur Verfügung stellte.

Die besondere Stärke der Dokumentation ist ihr Blickwinkel. So leben wir, sagen diese Bilder – nicht: So leben sie. »Les Sauteurs« steht in einer Reihe mit anderen Filmen zum Thema Flucht, die, bei allen Unterschieden im Detail, eine Gemeinsamkeit aufweisen. Sie bestehen ausschließlich oder zu einem sehr großen Teil aus Bildern, die die direkt Beteiligten selbst gedreht haben. Elke Sasse hat ihre Dokumentation »My Escape – Meine Flucht«, die der WDR im Februar ausstrahlte und die noch in den Mediatheken von ARD und WDR zu finden ist, aus Bildern montiert, die Geflüchtete auf ihrem Weg nach Europa gedreht haben. Sie hatte in den sozialen Netzwerken nach entsprechenden Videos gesucht und in Flüchtlingseinrichtungen gezielt nach solchen Aufnahmen gefragt.

George Kurians 55minütiger Dokumentarfilm »The Crossing«, der im November auf den Nordischen Filmtagen in Lübeck zu sehen war und derzeit noch ohne deutschen Verleih ist, besteht zur Hälfte aus Bildern einer achttägigen Überfahrt über das Mittelmeer und erzählt die Geschichten von sechs Syrern auf einem überfüllten Boot – einer von ihnen, ein Computerspezialist, hat mit einer wasserfesten Kamera gefilmt. Wie die Odyssee in Europa weitergeht, erzählt der von Regisseur Kurian gefilmte zweite Teil.

Einerseits in diesem Kontext, andererseits als Kommentar zur Machart der anderen genannten Filme ist Philip Scheffners »Havarie « (Kinostart: 28. Januar 2017) zu sehen. Das Bildmaterial stammt nicht von einem Flüchtling, aber ebenfalls von einem Laien: Der Nordire Terry Diamond hat 2012, als er auf dem Kreuzfahrtschiff Adventure of the Sea nahe der spanischen Küste unterwegs war, ein Flüchtlingsboot gefilmt, das die Besatzung des Touristendampfers entdeckt hatte. Scheffner setzt der Flut an »authentischen « Fluchtbildern die größtmögliche Entschleunigung entgegen: Diamonds Clip, auf Youtube unter dem schlichten Titel »Refugees « zu sehen, ist dreieinhalb Minuten lang, doch Scheffner verlangsamt ihn zu einer 90minütigen Version. Überlagert wird das gefühlte Standbild von einer Tonspur mit kleinen Dramen und anderen Beziehungs- und Familiengeschichten von Personen, die im Zusammenhang mit dem Geschehen rund um das Flüchtlingsboot stehen.

Aus den neuen Konstellationen bei der Bilderproduktion ergeben sich Fragen. Was hat die Entwicklung zum Beispiel für Folgen für die Rolle und das Selbstverständnis des Regisseurs? »Wenn die Dreharbeiten vorbei sind, hat man sonst eine klare Vorstellung davon, wie der Film aussehen soll«, sagt Moritz Siebert. »Bei ›Les Sauteurs‹ dagegen sind wir unvoreingenommen an das Material herangegangen. « Das sei eine »bereichernde Erfahrung« gewesen. Sidibé habe – zwangsläufig bei einem Nichtprofi – »keinen Film im Kopf« gehabt, als er angefangen hat zu drehen, und entsprechend »fragmentiertes Material« geliefert. Das heißt, auch bei solchen Produktionen geht wenig ohne das erzählerisch-dramaturgische Wissen von professionellen Filmemachern. Dennoch, betont Siebert, »war Abou mehr als ein Kameramann, er hat inhaltliche und ästhetische Entscheidungen getroffen«. Das wirft die Frage auf, wie man das genau bezeichnet, was Sidibé gemacht hat. In der Version von »Les Sauteurs «, die auf der Berlinale lief, firmierte er noch als »Coregisseur«. Nachdem diese Titulierung »berechtigte« (Siebert) Kritik hervorgerufen hatte, wurde sie im Abspann geändert. Sidibé, der heute in Deutschland lebt und auf die Entscheidung seines Asylantrags wartet, steht dort nun als gleichberechtigter Regisseur neben Siebert und Wagner.

René Martens

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