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High Life

24.06.2019 10:47

Regie: Claire Denis; mit Robert Pattinson, Juliette Binoche; Großbritannien/ Frankreich/Deutschland 2018 (Pandora); 110 Minuten; ab 30. Mai im Kino

  Claire Denis bleibt zuverlässig unberechenbar. Hatte sie zuletzt mit »Meine schöne innere Sonne« brillantes Diskurskino über die Sprache und Versprachlichung der Liebe geboten, wechselt sie mit ihrer ersten englischsprachigen Produktion unvermittelt ins Genre – und bleibt sich treu, geht es doch um Körper, Sexualität, Begehren, Lust und Einsamkeit. »High Life« spielt subversiv mit Versatzstücken des Science-Fiction-Films von »Solaris« über »Lautlos im Weltraum« bis »Alien« und erzählt eher abstrakt und nichtchronologisch montiert von einer Expedition ins All, die auf geradezu existentielle Weise aus dem Ruder gelaufen ist (oder eben gerade nicht?).

 An Bord des bemerkenswert dreckigen Raumschiffs, das wie eine Art Low-Tech-Oldtimer anmutet, finden sich zu Beginn des Films nur noch zwei Personen: das Crew-Mitglied Monte und seine kleine Tochter, die gerade gehen lernt. Schon diese Konstellation ist mysteriös, zumal Monte ab und an mal ein paar Leichen ins All verklappt. Obgleich sich nach und nach die Szenenfolge zu einer sehr offenen Erzählung fügt, bleibt vieles vage. Die Expedition ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Himmelfahrtskommando, denn das Raumschiff befindet sich auf der sehr langen Reise zu einem schwarzen Loch, wo die Crew nach alternativen Energieressourcen suchen soll. Originellerweise hat man Häftlingen angeboten, die Teilnahme als Straferlass zu nutzen, was sich auf die Gruppendynamik an Bord auswirkt. Die ist teilweise auch von den Menschenversuchen geprägt, die die Bordärztin Dr. Dibs vornimmt – die Astronauten charakterisieren sie nicht grundlos als »Sperma-Schamanin«. Monte reagiert auf Dibs’ Begehren mit mönchischer Askese, was ihn umso reizvoller macht.

Die Atmosphäre des Films lässt sich ganz gut durch die Ambivalenz des Titels fassen, besteht der Expeditionsalltag doch aus einer Abfolge von Routinen, die sich als alles andere als »abendfüllend« erweisen. Denkt man dann noch als Ziel der Reise den Tod hinzu und addiert Sexualität, Gewalt und das Soziale, kommt man nicht umhin, »High Life« als komplexe, aber auch tief pessimistische Parabel zu lesen. Dazu passt, dass das erste Wort, das der zärtliche Vater zur Tochter sagt, »Tabu« lautet.

Ulrich Kriest

 

 

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