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Freiheit

28.02.2018 14:55

Einen Einblick in die omnipräsenten Abgründe kleinbürgerlicher Eheverhältnisse gewährt Jan Speckenbachs "Freiheit". Katrin Hildebrand hat den Film gesehen.

Regie: Jan Speckenbach; mit Johanna Wokalek, Hans-Jochen Wagner; Deutschland/Slowakische Republik 2017 (Film Kino Text); 100 Minuten; ab 8. Februar im Kino

»Die Familie ist die Heimat des Herzens«, wusste der italienische Freiheitskämpfer Giuseppe Mazzini. »Familie ist und bleibt das Wichtigste«, weiß eine schlechte Postkarte. Und der Volksmund unkt: »Blut ist dicker als Wasser.« Man muss zu diesem Blut nicht notwendig noch den Boden gesellen, um sich als Unmensch zu erweisen. Wie inhuman und ausgrenzend Familie sein kann, durften viele zuletzt an Weihnachten erleben. In Jan Speckenbachs Drama »Freiheit« nun zerstört eine Frau diese blutigen Bande und haut einfach ab. Ohne ein Wort. Ohne eine Auseinandersetzung. Zurück bleiben der Mann und die beiden Kinder.

Johanna Wokalek hat Erfahrung mit ungewöhnlichen Frauenfiguren. Ebenso wie in »Die Päpstin« gibt sie als Nora einen weiblichen Menschen, der zwar frühkindlich und gesellschaftlich nach allen Regeln der Kunst zugerichtet wurde, aber immerhin um Befreiung ringt. Nora verlässt Berlin, streift durch Wien und Bratislava. Ihr Ausbruch ist nicht wild und actionreich wie bei »Thelma und Louise«. Eher wirkt sie getrieben und zornig, depressiv und verletzlich, verwirrt und dann doch wieder zu allem entschlossen. An Wokaleks dialektischem Spiel liegt es nicht, dass einzelne Szenen trotz des mutigen Stoffs wie Klischees wirken. An manchen Stellen ist die Inszenierung zu dramatisch. Was im Theater aufklärerisch wirken mag, gerät im Film schnell zu einer Pose, zu einem depressiven Schnörkel. Und depressiv ist »Freiheit« durch und durch.

Dazwischen allerdings findet Aufklärung statt. Natürlich hat es Noras Mann, den Hans-Jochen Wagner gekonnt als Schluffi mit verkappten Aggressionen anlegt, als alleinerziehender Vater schwer. Doch Mitleid ist nicht angebracht. Über 90 Prozent der Alleinerziehenden in Deutschland sind Frauen. Dass es nun einen Mann erwischt hat, ist nur ausgleichende künstlerische Gerechtigkeit. Mit der wirklich befreienden Analyse allerdings lässt sich das Drehbuch Zeit. Zuviel Zeit. Denn irgendwann drücken die Verzweiflung der Figuren und die Unmöglichkeit, Nora an ein neues, wildes und freundschaftliches Leben zu binden, so stark aufs Gemüt, dass das Drama zum Horror wird. Wer dennoch durchhält, wird kurz vor Schluss mit einem Einblick in die omnipräsenten Abgründe kleinbürgerlicher Eheverhältnisse belohnt.

Katrin Hildebrand

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