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The Cut

17.10.2014 12:58

Regie: Fatih Akin; mit Tahar Ramin, Akin Gazi; Deutschland 2014 (Pandora); 138 Minuten; ab 16. Oktober im Kino

 

Es ist ein altes Dilemma: Wie verpackt man die abstrakten Vorgänge der Geschichte in eine sinnliche Erzählung, wie repräsentativ kann und soll die Repräsentation sein? Fatih Akin beteuert, er habe eher einen Film gedreht über die Liebe eines Mannes zu seinen Töchtern als über den Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich (1915 mit dem Deutschen Reich verbündet), der in der Türkei (und in der deutschen Politik) noch immer nicht Völkermord heißen darf. Morddrohungen von Ultranationalisten gegen den in Hamburg aufgewachsenen Sohn türkischer Einwanderer gibt es dennoch.

Die erste Stunde des beinahe zweieinhalbstündigen Werkes schockiert bisweilen mit exquisiter Grausamkeit. Kehlen werden durchtrennt, das Blut spritzt. Ein Flüchtlingslager in Ras al-Ayn erscheint als staubige Hölle aus Hunger und Verwesung, die das Breitwandformat füllt. Hier trifft der armenische Schmied Nazaret Manoogian, der die Verschleppung aus seiner Heimatstadt nahe der heutigen Grenze zu Syrien und das folgende Massaker überlebt hat, seine Schwägerin wieder. Er ist stumm, die Klinge eines barmherzigen Türken hat seine Schlagader verfehlt; die Schwägerin ist von Infektionen und Unterernährung ausgemergelt und bittet Nazaret, sie zu töten. Kaum vorstellbar, dass diese infernalischen Szenarien in ihrer emotionalen und exzessiven Eindringlichkeit nicht eine über die Filmerzählung hinausgehende Intention haben, ein totgeschwiegenes Ereignis der Historie zumindest fühlbar machen sollen.

Dazwischen findet sich eine Genreästhetik, die dem Western abgeschaut ist: weite Totalen der ockeren Kargheit der Wüste, dazu die verzerrten Gitarrenakkorde, die Alexander Hacke von den Einstürzenden Neubauten in den Film komponiert hat. Von Ras al-Ayn über Aleppo und den Libanon bis nach Kuba und Minneapolis führt Nazaret sein jahrelanger Weg, der vom ziellosen Überlebensmarsch zu einer sehr gezielten Suche wird: Seine Töchter, totgeglaubt, sollen doch am Leben sein. Je weiter Nazaret nach Westen vordringt, desto hastiger wird die Erzählung; irgendwann scheint es, als gehe es Akin nur noch darum, vorgegebene Stationen abzuhaken. Diese allerdings bestechen durch ihre je eigene Textur: Von den saftigen Küsten des Libanon geht es hinein in die prachtvolle urbane Architektur Havannas und zurück in die offene Weite, den Winter Amerikas, der mindestens so feindselig ist wie die Wüste vor Syrien, aber dennoch farbenfroher. Akins neuer Film ist auch eine Reise durch die Welt an der Grenze zwischen Natur und Zivilisation, eine fragile Balance zwischen zwei verheerenden Kriegen.

- Tim Slagman -


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