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FEUERWERK AM HELLICHTEN TAG

24.07.2014 10:43

Regie: Diao Yinan; mit Fan Liao, Lun-mei Gwei; China 2014 (Weltkino); 106 Minuten; ab 24. Juli im Kino

Kaum ein Begriff ist im populären Filmdiskurs der vergangenen Jahrzehnte so verwässert worden wie der des Film Noir – anscheinend wird jedem Krimi, Thriller oder anderem Genrefilm, der nicht gerade im kalifornischen Sonnenlicht badet, eine Noir-Verbindung unterstellt, oftmals mehr als diffus. Diese Tendenz schließt an einen klassischen filmwissenschaftlichen Disput an: Dieser dreht sich um die Frage danach, ob es sich bei Noir lediglich um eine »Schwarze Serie« handelt – also um eine Reihe von Krimis mit bestimmten inhaltlichen und formellen Merkmalen, die zwischen 1941 (»Der Malteser Falke«) und 1958 (»Im Zeichen des Bösen«) in Hollywood produziert wurde – oder um ein eigenständiges Genre, mit spezieller Ikonographie und Entwicklung, das bis heute neue Vertreter hervorbringt. Die Antwort liegt wie so oft vermutlich in der Mitte: Kitschige Ausstattungsfilme wie Ruben Fleischers »Gangster Squad« (2012) haben trotz ihrer visuellen Annäherung im Grunde nichts mit Film Noir zu tun; Diao Yinans Berlinale-Gewinner »Feuerwerk am hellichten Tag« hingegen übersetzt bestimmte Elemente des ursprünglichen Genrezyklus so subtil und überzeugend in sein gänzlich anderes Setting, daß man durchaus von einem »echten« neuen Film Noir sprechen kann.

Was aber ist an diesem doch sehr mit seinem chinesischen Schauplatz verwurzelten Film eigentlich »Noir«? Düstere schwarzweiße Tableaus mit messerscharfen Kontrasten und Low-key-Beleuchtung darf man hier jedenfalls nicht erwarten. Ganz im Gegenteil: »Feuerwerk am hellichten Tag« changiert von heller, grobkörniger Nüchternheit zu Nachtaufnahmen, die knallige Neonleuchten in traumartiges Licht hüllen. Traumartig ist in diesem Fall der entscheidende Terminus. Denn während

heute oft fälschlicherweise angenommen wird, daß Film Noir, entsprechend seines Ursprungs im Hard-boiled-Detektivroman, durch zynische Gewalttätigkeit charakterisiert sei, hat das schöne englische Wort »oneiric«, zu deutsch in etwa traumähnlich, von Anfang an zur Definition des Genres gehört. Die eben nicht realistische, sondern ganz und gar expressionistisch geprägte Konstruktion der Großstadtsettings war es, die den Look der alten Schwarzen Serie definierte. Straßen, die ins Nichts zu führen scheinen, zackige Fassaden, spitze Winkel – der Einfluß des Weimarer Kinos macht sich deutlich bemerkbar.

So muß auch Diao Yinans Film verstanden werden: Die nie konkret benannte chinesische Stadt im Film basiert auf einer emotionalen Architektur, der mit dem schwammigen Begriff des Realismus nicht beizukommen ist. So entladen sich hier etwa in der Zwischenwelt des Jahrmarkts erotische Spannungen, wird ein gigantischer Neon-Nachtclub zum Ort der Erkenntnis.

Dabei folgt »Feuerwerk am hellichten Tag« zunächst einer durchaus handfesten Story, die mit verführerischer Eindeutigkeit einen politisch aufgeladenen Thriller zu versprechen scheint. Der Film beginnt mit dem kraftvollen Bild einer abgetrennten Hand in einem Meer aus schwarzer Kohle und der Entdeckung der Gliedmaßen durch die verstörten Bergleute beziehungsweise die Polizei. Schnell steht fest, daß ein Mord geschehen ist. Sollte sich der Film tatsächlich mit dem eher unsubtilen Kommentar begnügen, daß der gemeine chinesische Arbeiter vom monströsen Räderwerk buchstäblich zerkleinert wird?

Schnell wird deutlich, daß Yinan einen anderen Weg einschlägt als etwa sein Landsmann Jia Zhangke mit dem brutalen Politopus »A Touch of Sin« (siehe KONKRET 1/14) – wohin dieser Weg allerdings führt, bleibt bis zum bombastischen Finale des Films schwer abzusehen. Schon früh aber streut der Regisseur kleine verunsichernde Momente ein, die, ohne in surreale Abgründe einzutauchen, die Story nach und nach aus den Angeln heben. In einer frühen grandiosen Szene etwa läßt die Hauptfigur, der Polizist Zhang, geräuschvoll eine Glasflasche eine lange Treppe hinunter  – und

somit in die Tiefe der Leinwand hineinrollen. Etwas später steht tatsächlich ein Pferd auf dem Flur. Dann zeigt »Feuerwerk am hellichten Tag« plötzlich seine Zähne und überrascht mit einer abrupten Schießerei in bester Hongkong-Thriller-Manier und einem fließenden Zeitsprung. Von diesem Punkt an kann man den Film beinahe als eine moderne chinesische Variante von Howard Hawks’ Noir-Klassiker »The Big Sleep« betrachten: Der Plot entfaltet sich zwar einerseits stetig, andererseits aber auch so ruckartig, daß sich zunächst verwirrende Bilder erst einige Minuten später aufklären, andere vielleicht gar nicht. Schließlich ist man aber so von der Chemie zwischen Zhang und der mysteriösen Wu Zhizhen, der Frau eines Verdächtigen, gefangen, daß man sich dem sorgfältig konstruierten Fluß des Films bedingungslos hingibt.

Mit einer kühnen Neuinterpretation des zentralen Film-Noir-Motivs der Femme Fatale landet der Regisseur dann seinen größten Coup: Wu Zhizhen, von der ein Polizist einmal sagt, jeder, der sich ihr nähere, würde ermordet, steht als ambivalente Figur im Zentrum des Plots. In einer der schönsten Szenen dieses visuell berauschenden Films gleitet sie grazil mit erhobenem Kopf und unendlich traurigen Augen über eine Eislaufbahn – eine beinahe überirdische Erscheinung, unmöglich zu durchdringen. Wenig später werden die bis dahin noch unschuldig konnotierten Schlittschuhe zu perfiden Mordinstrumenten umfunktioniert – ein weiteres perfektes Beispiel für die oft durchaus humorvolle Doppelbödigkeit des Films. Ohne in Phantasiewelten abzudriften, offenbart »Feuerwerk am hellichten Tag« die düstere Magie des Alltäglichen.

So gelingt Yinan etwas, das seit David Lynchs kreativem Aus niemand mehr versucht hat: Film Noir eben nicht bloß als ikonographische Verkleidung zu verstehen, sondern als düstere, aber auch tiefromantische Traumlogik, die im krassen Gegensatz zum streberhaften Whodunnit handelsüblicher Krimis steht.

– Tim Lindemann –

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