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Fahrenheit 11/9

17.01.2019 10:20

Regie: Michael Moore; mit Michael Moore, Donald Trump; USA 2018 (Weltkino); 128 Minuten; ab 17. Januar im Kino

 

Die (hiesige) Kommunikationswissenschaft hat sich in der Historie nicht gerade durch dialektische Meisterleistungen hervorgetan. Aber auch ein blindes Huhn (er)findet mal etwas Verwertbares – wenn auch nicht in Deutschland, sondern in den USA. Auf den Journalisten Walter Lippmann und den Politikwissenschaftler (!) Bernard Cohen geht die Theorie des Agenda Settings zurück. Letzterer schrieb über die Presse: »Sie mag nicht besonders erfolgreich darin sein, den Menschen zu sagen, was sie denken sollen, aber sie ist verblüffend erfolgreich darin, ihren Lesern zu sagen, worüber sie nachzudenken haben.« Dieses Setzen von Themen kann heute theoretisch jeder versuchen – über die sozialen Medien. Ein Donald Trump hat damit freilich mehr Erfolg als der Meier Schorsch, weil er schlichtweg bekannter ist.

Und hier sind wir schon bei Michael Moores neuer Doku »Fahrenheit 11/9«. Darin versucht der Filmemacher zu ergründen, wie es zur Katastrophe Trump kommen konnte. Bei der Ursachenfahndung geht es wie so oft bei Moore munter drunter und drüber – bildlich, faktisch und musikalisch. Seine Assoziationsketten führen von Popstar Gwen Stefani über den Sexismus in US-TV-Anstalten, die Republikanisierung der Demokraten, den Wasserskandal in seiner Heimatstadt Flint und Obamas Schwäche bis hin zu Hitler. Das klingt wild, bisweilen willkürlich und nicht nach einem ultrafundierten Kritikkonzept. Wer Moore ernsthaft folgen will, müsste im Kino fleißig mitnotieren und anschließend alle Themen nachrecherchieren, um zu erkennen: Wo geht mit dem Filmer der Aktivistengaul durch, und wo liefert sein Schnelldurchlauf formidables Material für die Analyse der Gegenwart westlicher Gesellschaften? Auf den deutschen Zeitungsmarkt übertragen, ähnelt Michael Moore dem sozialkritischen Boulevardblatt (auch das gibt’s in einigen Städten noch neben »Bild«), das poltert, aber nicht hetzt – und komplexe Zusammenhänge gerne mal dem Trubel opfert.

Doch zurück zum Ausgangspunkt: Bei aller Wirrnis spielt »Fahrenheit 11/9« nämlich gewitzt mit dem Topos des Agenda Settings. Einerseits gehört die Doku selbst zu dieser Strategie. Durch Berichterstattung über linken Aktivismus in den USA kann sie diesen verstärken. Auf der anderen Seite erläutert sie ausführlich eine der größten Gefahren von Trumps Hetzkampagnen: Was einmal ausgesprochen ist, und sei es der letzte Humbug, schwebt im Raum und wird im schlimmsten Falle Fakt.

Katrin Hildebrand

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