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Endless Poetry

25.07.2018 11:36

Regie: Alejandro Jodorowsky; mit Adan Jodorowsky, Brontis Jodorowsky; Frankreich/Chile 2016 (Wolf); 128 Minuten; seit 19. Juli im Kino

Eine Filmtrilogie über die eigene Kindheit und Jugend zu drehen, dazu gehört ohne Zweifel eine gewaltige Portion Hybris. Wer aber viel zu erzählen hat, der soll erzählen – selbst wenn er dabei, in bester Münchhausen- Manier, manchmal zur poetischen Übertreibung neigt. Poesie ist passenderweise das Leitmotiv des zweiten Teils von Alejandro Jodorowskys autobiografischem Triptychon: »Endless Poetry« folgt auf »Dance of Reality «, der die frühe Jugend des Regisseurs behandelt, bald soll ein noch unbetitelter letzter Teil die Reihe abschließen. Jodorowsky wird im nächsten Jahr 90, und so kann man diese umfassende Rückschau auf seinen Werdegang zum Dichter, Theatermacher, Comicautor, Okkultisten und Filmemacher durchaus als Vermächtnis betrachten.

Jodorowsky stürzt sich mit gewohnter visueller Kühnheit in die eigene Lebensgeschichte, besetzt seinen Sohn Brontis als sein jüngeres Ich und taucht selbst als mahnendes, weißhaariges Orakel auf. Keine Frage: Einige Ideen in diesem über zweistündigen Opus funktionieren nicht oder wirken unnötig ausgewalzt; und doch steckt in »Endless Poetry« mehr Mut, Witz und eben Poesie als in vielen Filmen jüngerer Regisseure, denen das Prädikat »visionär« verliehen wird. Mit einem simplen, aber überzeugenden Trick versetzt der Filmemacher, der auch für das Produktionsdesign verantwortlich zeichnet, etwa das moderne Santiago de Chile wieder in die vierziger Jahre, die Zeit seiner Jugend zurück; mit humorvoller Detailverliebtheit rekonstruiert er die damaligen Künstlerkneipen als surrealistische Wunderkammern, bevölkert von schrägen Vögeln und Wahnsinnigen.

Narrativ vollzieht der Film Jodorowskys Ausbruch aus seinem konservativen russischjüdischen Familienkreis nach, begleitet ihn bei der Entwicklung seiner Leidenschaft für Poesie und Kunst im allgemeinen und bei seinen Abenteuern mit der Boheme Santiagos. Immer wieder gelingen dabei verblüffende Set Pieces, etwa ein spektakulärer Totentanzkarneval gegen Ende, der das Auftauchen des Faschisten Carlos Ibáñez in Chile einläutet. An den unvergesslichen Irrsinn von Jodorowskys berühmten Werken »El Topo« und »The Holy Mountain« mag »Endless Poetry« nicht heranreichen, von einem mildem Alterswerk aber ist er weit entfernt.

Tim Lindemann

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