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Eine moralische Entscheidung

24.06.2019 11:46

Regie: Vahid Jalilvand, mit Amir Agha’ee, Hediyeh Tehrani, Iran 2017 (Noori Pictures): 104 Minuten, ab 20. Juni im Kino

Wer hat den Tod des achtjährigen Amir zu verantworten? Dies ist die zentrale Frage in Vahid Jalilvands Drama, das bereits diverse internationale Preise gewonnen hat. Schnell wird klar, dass die Suche nach dem Verantwortlichen nicht leicht wird. Ob der Gerichtsmediziner Nariman, der einen Unfall verursachte, bei dem der Junge scheinbar nur leicht verletzt wurde, oder Moosa, Amirs Vater, der aus Geldnot Gammelfleisch kaufte, oder der Händler, der dem Vater das Fleisch verkaufte: Ganz unschuldig scheint niemand zu sein. Dabei geht es dem Regisseur weniger um die Suche nach einer objektiven Wahrheit als um die Auseinandersetzung der einzelnen Charaktere mit ihrem individuellen Schuldbewusstsein. Während Nariman nicht an seine eigene Unschuld glaubt, versucht Moosa, sein schlechtes Gewissen zu beruhigen, indem er den Fleischhändler konfrontiert, der wiederum jegliche Schuld von sich weist. Binnen weniger Minuten entwickelt sich ein komplexes Drama, das an den Nerven aller Beteiligten zehrt – auf und vor der Leinwand.

 

Zwar ist der (plötzliche) Tod eines Kindes immer eine dramatische Angelegenheit, doch Jalilvand drückt immens auf die Tränendrüse, indem er durch eindrucksvolle Nahaufnahme tiefe Einblicke in die Gefühlswelten der Charaktere bietet. Dieser Kunstgriff, der so sehr unter die Haut geht, dass die Grenze zum Kitschigen nicht weit ist, funktioniert nur dank der hochklassigen schauspielerischen Leistung. Zudem erzeugen die oft düsteren und staubigen Kulissen ein beklemmendes Gefühl, und es ist bezeichnend für die Tristesse des Szenarios, dass sich hinterher kaum noch sagen lässt, ob es ein Schwarzweiß- oder Farbfilm ist. Dazu kommt, dass die Sprache der Figuren moralisch stark aufgeladen ist und sich Standardfloskeln des tränengeschwängerten Kinos bedient. So sagt zum Beispiel Moosa über die Beerdigung seines Sohnes: „Gestern habe ich mein ganzes Leben begraben.“

 

Diese Aussage führt zu einem weiteren interessanten Aspekt des Filmes: die Darstellung weiblicher Charaktere. Moosa hat nämlich noch eine kleine Tochter. Sie scheint für ihre Eltern aber nicht weiter von Bedeutung zu sein und kommt im Laufe des ganzen Films, wenn überhaupt, nur als Belastung vor. Seine beiden Protagonistinnen stellt Jalilvand gegensätzlich dar: Während Amirs Mutter Leila stets schwarz verschleiert auftritt, trägt Dr. Narimans Kollegin, die Gerichtsmedizinerin Babahani, zwar auf der Arbeit ein akkurat gebundenes schwarzes Kopftuch,  privat hingegen lediglich einen nachlässig über den Kopf geworfenen Schleier, der ihren Haaransatz zeigt. Auch der Handlungsspielraum der beiden Frauen ist sehr unterschiedlich: Die Männer in ihrem Umfeld schränken Leila immer wieder ein, hingegen tritt die Gerichtsmedizinerin als gebildete und autarke Persönlichkeit auf, die eigene Entscheidungen trifft. Diese Verschiedenheit der Frauenbilder lässt sich ganz offensichtlich auf ihre unterschiedliche soziale und ökonomische Stellung zurückführen. Mit etwas Liebe lässt sich in diese Gegenüberstellung eine subtile Gesellschaftkritik hineininterpretieren, die jedoch zumindest für ein westliches Publikum, das nicht mit den Lebensumständen im Iran vertraut ist, schwer zu greifen ist. Dieser Stil ist typisch für das zeitgenössische iranische Kino, das einer strengen Zensur unterliegt. Jalilvand selbst hat aus politischen Gründen seinen Job beim staatlichen Fernsehsender NIRT verloren. Er will hier laut Verleih „eine persönliche Tragödie mit den komplexen Machtstrukturen der iranischen Klassengesellschaft“ verbinden. Dafür hätte er den Film nicht mit Herzschmerz überladen müssen.

Nora Pohlmann

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