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Diplomatie

28.08.2014 14:10

Regie: Volker Schlöndorff; mit Niels Arestrup, André Dussollier; Frankreich/Deutschland 2013 (Koch Media); 84 Minuten; seit 28. August im Kino

 

Volker Schlöndorff kann es nicht lassen. Nach zahlreichen Adaptionen deutscher Literaturklassiker poliert er eifrig die deutsche Geschichte. Heldensagen eignen sich dafür besonders gut, für irgendwas mit Nationalsozialismus öffnen sich auch die Fördertöpfe. In »Diplomatie« legt der Regisseur das Schicksal von Paris unter deutscher Besatzung in die Hände zweier Männer. Louvre, Eiffelturm und die Brücken über die Seine sind vermint, und es bedarf nur noch eines  letzten Winks zur Sprengung. Doch dann platzt in der Nacht zum 25. August 1944 ein mit allen Wassern gewaschener schwedischer Diplomat ins prunkvolle Hotel Meurice, die einstige Sommerresidenz Napoleons III., in der General von Choltitz hinter einem Schreibtisch sitzt, Whiskey trinkt und sich die Haare rauft. Der smarte Diplomat Nordling schafft es in einem Gespräch unter echten Kerlen, von Choltitz zu überzeugen, den »Trümmerbefehl« Hitlers, Paris dem Boden gleichzumachen, nicht auszuführen. Irgendwie scheint von Choltitz auch gar keine Lust mehr auf Krieg zu haben und gar kein so fanatischer Nazi zu sein, wie es seine mit Orden behangene Uniform nahelegt. Nordling dringt jedenfalls zu seinem weichen Kern durch und bietet ihm und seiner Familie Schutz an, falls er die Metropole verschont. Ein Mann, ein Wort. Das war’s dann auch schon.

Die Darsteller Niels Arestrup und André Dussollier sind ein eingespieltes Team, seit sie in Cyril Gélys gleichnamigen Theaterstück 2011 das Ganze zigmal durchexerziert haben. Auf der Leinwand wirkt »Diplomatie« wie ein für Hollywood aufgemöbeltes Kammerstück. In der Originalfassung sprechen die beiden ein kultiviertes Französisch, allein Befehle werden auf deutsch gebellt. Pompös läutet Beethovens Siebte den Film ein, nicht weniger bedeutungsschwer ist das schnulzige Ende. Von Choltitz kapitulierte nach seiner Gefangennahme und übergab Paris 1944 fast unversehrt an die französischen Streitkräfte. 1947 wurde er freigelassen. Die Deportation und Ermordung von Juden seien, gab von Choltitz in einem Abhörprotokoll zu, »der schwerste Auftrag« gewesen, den er je durchgeführt habe – allerdings »mit größter Konsequenz«. Belangt wurde er dafür nicht. Für die Unterdrückung der Résistance ebensowenig. Mit Ehrungen hoher deutscher und französischer Offiziere überschüttet, wurde er 1966 in Baden-Baden beigesetzt. De Gaulle galt er als »Retter von Paris«. Schlöndorffs Historienschinken nährt den Mythos der gutmütigen deutschen Besatzung.

 

– Anina Valle Thiele –

 

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