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Die Verlegerin

28.02.2018 12:39

Regie: Steven Spielberg; mit Meryl Streep, Tom Hanks; USA 2017 (Universal); 117 Minuten; ab 22. Februar im Kino

»Die Zeit, sie trennt nicht nur für immer Traum und Träumer / Die Zeit, sie trennt auch jeden Dichter und sein Wort / denn die Zeit läuft vor sich selber fort.« Auf diese unvergesslich poetische Formel brachte der Zeit- und Kulturphilosoph Barry Ryan Anfang der Siebziger seine diesbezüglichen Überlegungen. Vielleicht rekurrierte er dabei auf Reisenotizen des hochrangigen US-Regierungsberaters Daniel Ellsberg, der sich 1966 nach Vietnam begab, um sich vor Ort einen Eindruck vom Fort- und möglichen Ausgang des Krieges zu verschaffen. Was er dort erleben musste, stimmte ihn nicht sonderlich optimistisch, aber immerhin hörte er hier schon eine Band avant la lettre, die sich erst ein Jahr später gründen sollte: Creedence Clearwater Revival mit dem Hit »Green River« (1969). Zum Abschluss seiner ernüchternden Vietnam-Erfahrungen musste Ellsberg auch noch feststellen, dass die Politik seine Einschätzung der »amerikanischen Art, Kriege zu führen« vielleicht sogar teilte, allerdings an der Tradition gewordenen Desinformation der eigenen Bevölkerung im Zeichen einer antikommunistischen Doktrin festhielt. Sich auf »die Verantwortung von Regierungsbeamten in einem verbrecherischen Krieg« berufend, begann er streng geheime Regierungspapiere zu fotokopieren und spielte die Konvolute als Whistleblower der »New York Times« zu.

Als die Zeitung im Sommer 1971 begann, die Geschichte zu publizieren, sah die Nixon-Regierung die nationale Sicherheit durch die Pressefreiheit gefährdet und erwirkte ein kurzzeitiges Publikationsverbot. Die Konkurrenz von der »Washington Post« sprang »solidarisch« in die Bresche und veröffentlichte gleichfalls Teile der »Pentagon Papers«. Am 30. Juni 1971 fällte der Oberste Gerichtshof der USA ein Grundsatzurteil, demzufolge im Zweifelsfall das Interesse der Öffentlichkeit und die Pressefreiheit höher anzusetzen sind als das Geheimhaltungsinteresse des Staates. Eine schmerzhafte Niederlage für die Nixon-Administration und das Pentagon.

Creedence Clearwater Revival auf der Tonspur, Fotokopierer, analoge Telefone; heruntergekommene Motels, in denen Whistleblower auf Kartons voller Fotokopien sitzen und auf den Mittelsmann warten; Großraumbüros in verräucherten Tageszeitungsredaktionen, in denen hemdsärmelige Chefs gern mal die Füße auf den Tisch legen; Männer mit komischen Hüten, die brisante Informationen von einer abgelegenen Telefonzelle aus bestätigen; Bleisatz und Druckmaschinen, die gegen Mitternacht auf das entscheidende »Let’s go!« warten. »Die Verlegerin« ist ein Period Piece, eine Ausstattungsorgie, gedreht im kuschelig-perfekten Stil des Classical Hollywood. Hat der Film als ganz alte Schule indes mehr zu bieten als Nostalgie und handfeste Medienarchäologie?

Fragte man Regisseur Steven Spielberg, würde der wohl antworten: »Mein neuer Film ist pünktlicher als die Deutsche Bahn!« Er wusste instinktiv um das günstige Timing des Projekts, weshalb er »The Post« (Originaltitel) geschmeidig dazwischenschob, als er eigentlich schon mit den Vorbereitungen des nächsten Großprojekts beschäftigt war. Ein mit viel Liebe zum Detail ausgestatteter Ausflug in die Geschichte, die so unzweifelhaft und unmissverständlich auf die Gegenwart gemünzt ist, in der die Rede ist von Mainstream-Medien, Lügenpresse und alternativen Fakten und die Rede sein sollte von Widerstand und Zivilcourage. Der Film bricht eine Lanze nicht nur für die Pressefreiheit, sondern auch für die Presse als unverzichtbare und nicht zu unterschätzende oppositionelle Kontrollinstanz einer verkommenen politischen Klasse, symbolisiert durch einen pöbelnden »Crook« im Weißen Haus, der seinerzeit noch Richard »Tricky Dicky« Nixon hieß. Der zentrale Satz des Films: »The only way to protect the right to publish is to publish!«

Als in »Die Verlegerin« die Zeitungen ins Spiel kommen, als die »New York Times« schon an den »Pentagon Papers« dran ist, kümmert sich die »Washington Post« noch um die Hochzeit von Nixons Tochter. Was auch damit zu tun hat, dass die Verlegerin »Kay« Graham sehr geübt darin ist, mit den Mächtigen in D. C. auf Cocktailpartys zu kungeln und sehr eng mit Exverteidigungsminister Robert McNamara befreundet ist, der die »Pentagon Papers« einst in Auftrag gab. Graham hat als Verlegerin das Erbe ihres Mannes angetreten, muss aber erst noch lernen, welche Verantwortung der Qualitätspresse als vierter Gewalt zukommt. Bei Spielberg heißt das ganz klassisch: Aus Kay muss Katherine werden – und Meryl Streep spielt diesen Lernprozess in betont schrägen Kostümen mit ihrem etwas trägen, jede Nuance ausspielenden Timing, das gern mal mit einem Oscar belohnt wird. Der Chefredakteur der »Post« Ben Bradlee möchte vielleicht nicht Amerika »great again« machen, aber er hat den Traum, die »Post« vom Geruch des Lokalblatts zu befreien, weshalb er die Konkurrenz sehr genau beobachtet. Er ahnt, dass die »Times« an einer großen Sache dran ist, und initiiert eine Art handgemachte Betriebsspionage.

Ältere Zuschauer werden schnell merken, dass der Film sich in vielen Details parasitär zu »Die Unbestechlichen«, Alan J. Pakulas vierfach Oscarprämiertem Klassiker über die »Watergate-Affäre« von 1976, verhält. So spielt Tom Hanks hier nicht nur Bradlee, sondern auch noch Jason Robards, der 1976 Bradlee noch etwas eindrucksvoller spielte. Spielbergs Film benutzt »Die Unbestechlichen« zudem als Krücke, um politisch Position zu beziehen, seine eigene Bedeutung im (aktuellen) Medienspiel zu behaupten und seine Wirkung herbeizuphantasieren. »Die Verlegerin« endet mit dem Einbruch ins Wahlkampfbüro der Demokratischen Partei im Sommer 1972, der Nixon schließlich zu Fall bringen sollte. Hier brachte die »Post« die Sache der Aufklärung ins Rollen, mit einem lange mysteriösen Whistleblower namens Deep Throat im Hintergrund.

Whistleblowing als Ehrenamt, geduldig recherchierender Journalismus als Handwerk, ein polternder, twitternder, die Medien verachtender Präsident im Oval Office, ein mögliches Amtsenthebungsverfahren als Perspektive – was will man mehr an Aktualität? Doch kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, hier zwei Ertrinkenden – dem klassischen Hollywood-Kino mit seinen Ausstattungsskills und stark gealterter Starpower und dem investigativen, analogen Tageszeitungsjournalismus mit seinem politischen Selbstverständnis – dabei zuzusehen, wie sie verzweifelt versuchen, sich einen Rettungsring von 1976 zu teilen.

Ulrich Kriest

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