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Der unverhoffte Charme des Geldes

01.08.2019 15:24

Regie: Denys Arcand; mit Alexandre Landry, Maripier Morin; Kanada 2018 (MFA); 123 Minuten; ab 1. August im Kino

Der Kapitalismus ist doof. Das hat sich mittlerweile herumgesprochen, und das – leider – nicht nur in reflektierten Kreisen. Die Wald-und Wiesenkritik begnügt sich mit Hass aufs abstrakte Kapital und feiert gleichzeitig den spießigen Familienunternehmer wie einen kleinen Herzog, der dem Kaiser die Heeresfolge verweigert hat.

In eine ähnliche Richtung tendiert der Originaltitel von Denys Arcands Film »La Chute de l’empire américain« (die englische Variante ist eine direkte Übersetzung): der Untergang des amerikanischen Reichs. Er klingt so giftig antiamerikanisch, als glaubte man, – im schlimmsten Fall – die »jüdischen Plutokraten der Wall Street« (der Dauerbrenner unter Antisemiten) oder – im lustigsten Fall – irgendwelche Hillbillies aus Alabama oder gar Frankophone (Das hätten die doch nie geschafft!) hätten Geld, Warentausch, Eigentum und Ausbeutung erfunden. Dagegen wirkt die deutsche Übertragung »Der unverhoffte Charme des Geldes« geradezu elegant. Und sie trifft viel eher den Punkt. Doch wollte Arcand mit seinem Titel wohl bloß an seine Gesellschaftskomödie »Le Déclin de l’empire américain« von 1982 und den Nominalstil im Titel seiner anderen Filme anknüpfen.

Darüber, welchem Genre das Werk zuzuordnen ist, sind die Experten uneins. Von Thriller über Krimi bis zur Komödie reichen die Vorschläge. Die Wahrheit ist: Es handelt sich um den seltenen Typus des Buddy-Buddy-Buddy-Buddy-Buddy-Films. Im Unterschied zur Buddy-Komödie bilden hier nicht nur zwei einander völlig entgegengesetzte Persönlichkeiten eine Schicksals- und schließlich Herzensgemeinschaft, sondern eine ganze Horde. Während der intellektuelle Mainstream das Buddy-Genre gerne als harmlos-dümmliche Unterhaltungsmasche abtut, wissen Kenner, dass der Inkompatibilität der Figuren durch den Zwang zur Kooperation ein humanistisches Moment, ja, noch viel mehr als das, innewohnt. In Buddy-Filmen geht es um Versöhnung, um Freundschaft. Die konträren Partner zwingen einander ihr Dasein unerbittlich auf. Gerade in diesem besonderen Objektbezug – der andere Mensch, das absolute Gegenteil von einem selbst, wird als solcher erkannt und durch den Zwang zum gemeinsamen Handeln zum Gefährten – steckt die Möglichkeit einer anderen materiellen gesellschaftlichen Grundlage.

Auch bei Arcand sind die Figuren inkompatibel. Zwar stoßen sie nicht durch Zwang aufeinander, sondern durch Zufall. Zueinander passen sie dennoch nicht. Alles beginnt, als der knuffige Supernerd und Philosphieabsolvent Pierre-Paul zufällig an einen Riesenbatzen Bargeld kommt. Die Kohle haben eigentlich zwei Gangster erbeutet – bei einem Coup, der selbst in der Verbrecherwelt als hinterfotzig gilt und mit einer Schwarzgeldwäscherei zu tun hat, in der tatsächlich Wäsche gewaschen wird. Natürlich ist das zwar gesellschaftskritische, aber verkopfte und im menschlichen Umgang ungeübte Bürgersöhnchen von so viel geklautem Schwarzgeld überfordert. Also wendet sich Pierre-Paul an einen frisch entlassenen Ganoven und Weißwasch-Spezialisten. Mit ins Team kommen peu à peu einer der beiden Gangster, ein stinkreicher Finanzberater, Pierre-Pauls Exfreundin und eine Prostituierte. Ihre Schicksalsgemeinschaft wird schließlich tatsächlich zu einem Club mit Herz. Gemeinsam kümmern sie sich um die Obdachlosen Montréals.

»Der unverhoffte Charme des Geldes« mag die erste halbe Stunde über etwas trantütig wirken. In seiner Gänze ist er es nicht. Er braucht nur länger als die klassisch auf Tempo und Timing getrimmte US-Komödie. Arcand lässt sich Zeit. Viele seiner Themen schleichen sich geradezu unbemerkt in den Plot hinein. Das verlangt Geduld, macht aber, sobald der Groschen gefallen ist, Spaß.

Da wäre zum einen Pierre-Pauls philosophisches Geschwafel. Anfangs wirkt es wie Beiwerk – schließlich baut mittlerweile nicht nur jeder Autorenfilmer und American-Independent-Regisseur, sondern selbst der deutsche Mainstream ein paar Tagebuch-Sinnsprüche in sein Figuren-Blabla ein. Doch die Philosophenzitate ergeben irgendwann einen Sinn, denn durch das Schwarzgeld können die Buddys der blöden Materie, die sich stets der utopistischen Theorie entziehen will, ein Schnippchen schlagen. Noch viel wichtiger sind die Obdachlosen. Zunächst tauchen sie nur ganz versteckt auf, wie im echten Alltag. Sie stehen auf der Straße herum. Sitzen irgendwo, während das echte Leben der echten Bürger seinen echt verblendeten Lauf nimmt. Pierre-Paul immerhin – das fällt auf – steckt ihnen ab und an Geld zu. Im Fokus aber steht zunächst der bürgerliche Alltag. Kaffeehausbesuch, Beziehungsdrama, irgendwelches Geschwätz, das erst mal so beiläufig, lifestyleaffin und unsinnig daherkommt wie die Diskussion über Burger zu Beginn von »Pulp Fiction«. Doch ebenso wie Pierre-Pauls philosophische Zitate einen Bezug zum Thema Reichtum, Armut und Gerechtigkeit entwickeln, gewinnen die Obdachlosen an Bedeutung. Sie selbst, ihre bloße Existenz sowie deren Verweis auf Ausbeutung, Klassenverhältnisse, Rassismus (viele von ihnen sind Inuit) und viele weitere materielle Abgründe sind der eigentliche Grund des Films.

So bekommt das Spiel mit dem Gegensatzpaar Gangster und Bürger dort, wo es um die Existenz geht, seinen Reiz. Während der Bürger die sozialen Verhältnisse perpetuiert, indem er das Bestehende affirmiert, nutzt der Gangster die Lücken im System und saugt dort seine Pfründe ab. Bei seinem Tun allerdings ähnelt er niemandem so sehr wie den großen Anführern des Bürgertums, den Unternehmern. Wenn nun der Gangster mit seinem unorthodoxen Denken und der intellektuelle Bürger mit seiner Moral zusammenarbeiten, kann daraus – zumindest in der Utopie und in Pierre-Pauls Philosophie – etwas Neues entstehen. Vielleicht sogar die Rettung der Menschheit vor dem Kapitalismus. Marx und Engels waren schließlich auch nur Bürgerbuddys.

Katrin Hildebrand


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