Aktuelles

tl_files/hefte/2019/abo919start.jpg

To watch this video, you need the latest Flash-Player and active javascript in your browser.

Tomayers Video-Tagebuch

No-Go-Area Deutschland

Filmkritiken

Termine

Spot on

DER SCHMETTERLINGSJÄGER

17.07.2014 10:19

Regie: Harald Bergmann; mit Dmitri Nabokov, Klaus Wyborny; Deutschland 2013 (NFP); 135 Minuten; ab 17. Juli im Kino

Wieviel Reflexion, Respekt vor einem Jahrhundertgenie und außerdem Fleiß stecken in diesem Film! Fünf lange Jahre hat Regisseur Harald Bergmann so ziemlich alles angebaggert, was an Fördergeldern auszugraben ist, und er verzweifelte keinen Tag an seiner Sache. Dieser Glaube ans eigene Vorhaben verdient Anerkennung. Leider hört es damit auch schon wieder auf. Denn das Resultat aller Nachdenklichkeit, Recherche und Bettelei, der Semidokumentarfilm »Der Schmetterlingsjäger«, beeindruckt allein durch seine Pflege der Langeweile. Bergmann hat – aus Ehrfurcht, möglicherweise aus Ehrgeiz – beschlossen, weder übers Werk noch über den Dichter einen Film zu drehen. Sondern einen visuellen Essay über das, was Nabokov als »Textur der Zeit« bezeichnete. Nach überstandenen zwei Stunden weiß der Zuschauer bzw. sein Hintern, was die Metapher bedeuten soll. »Ich wollte«, sagt Bergmann, »das Thema, das Nabokov in seinem Spätwerk interessierte, bearbeiten: Zeit.« Worauf wir späten Kracauer-Schüler bloß erwidern können: Film tut doch nie was anderes, irgend so ein Dolph-Lundgren- Actiondreck inklusive. Bei dem, flimmert er im Nachtprogramm auf, man übrigens nie einschlechtes Gewissen hat, eine halbe Stunde später zu entschlummern. Tritt derselbe »Auslösereffekt« – ein Gruselwort, das der, ähm, Philosoph Heinz Wismann in Bergmanns Nabokov-Hommage prägt – jedoch bei Filmen auf, die echt was zu sagen haben wollen, … dann! Schlaf ich erst recht ein. Bergmann stopft alles Denkbare in seine Arbeit, um den Auslösereffekt zu erreichen – von der metaironischen Narration bis hin zu Verfremdungseffekten, die aufwendiger inszeniert werden als alle »authentischen« Bilder. Eine Suppe aus Pseudokammermusik mit Mozart-Beilage ersäuft jegliches Bild. Elfi Mikeschs ebenso akkurat an den Worten klebende wie zäh inspirierte Kameraführung (endlos lang fährt sie zum Beispiel an einem Baum hinauf und herunter, um Vergänglichkeit zu illustrieren) tut jenen Rest hinzu, der im Kopf für Schwere sorgt. Es ist kein Wunder, daß dies Muster eitlen Filmkunsthandwerks von genau jenem Roman inspiriert wurde, der Nabokovs artifiziellster, uninspiriertester ist, Ada or Ardour. Harald Bergmann sollte sich über sein Scheitern aber nicht grämen. Beim Versuch, Nabokov zu drehen, versagte einst sogar Stanley Kubrick. Ist wohl, harhar, die Zeituhr des Textes.

- Kay Sokolowsky-

Zurück