Aktuelles

aboprämie

To watch this video, you need the latest Flash-Player and active javascript in your browser.

Tomayers Video-Tagebuch

No-Go-Area Deutschland

Filmkritiken

Termine

Spot on

BlacKkKlansman

22.08.2018 13:46

Regie: Spike Lee; mit John David Washington, Adam Driver; USA 2018 (Universal); 128 Minuten; ab 23. August im Kino

Spike Lee setzt die historische Bedeutung seiner Filme immer schon voraus. Viele handeln vom strukturellen Rassismus in den USA, und das macht diesen Anspruch undurchdringbar. In »BlacKkKlansman« fiktionalisiert er die Biografie von Ron Stallworth, einem Agenten im Colorado Springs Police Department. In den späten Siebzigern wünschte man sich dort ausdrücklich Bewerbungen von »Minderheiten« – so kam Stallworth an seinen Job.

Als er eingestellt wird, ist er der einzige Schwarze in der ganzen Station. Kann sein, dass es der neuen Personalpolitik nicht nur um Teilhabe und gleichen Zugang ging, sondern auch um Vorteile bei der Überwachung als bedrohlich eingestufter Minderheiten. Jedenfalls halten die Behörden den Einfluss der Black-Panther-Bewegung noch für virulent, und Stallworth (John David Washington) soll sich mal auf der Versammlung einer schwarzen Studentenverbindung mit einer Wanze umhören. Obwohl er kein besonders politischer Mensch ist, findet er die identitätspolitischen Appelle eines ehemaligen Black Panther gut, dieses ganze Reden über Stolz, Ermächtigung und die Wertschätzung bestimmter Körpermerkmale.

Da Stallworth die Radikalität der Gruppe als eher verbal einstuft, will er statt dessen eine lokale Ku-Klux-Klan-Gruppe in Gründung überwachen. Den ersten Kontakt stellt er telefonisch her und umgarnt sein Gegenüber dabei mit der perfekten »kulturellen Appropriation« eines ultrarassistischen Ausfalls. Als irgendwann der persönliche Kontakt für das Mitgliedschaftsverfahren unvermeidlich wird, muss ein weißer Kollege einspringen und die Arbeit unter dem Namen des schwarzen weiterführen.

Dieses Parodieren einer Parodie wird von Lee als schenkelklopfende Humoreske inszeniert. Flip Zimmerman (Adam Driver) tut das, was sonst Schauspieler tun: an den Wortmelodien arbeiten, sprachliche Besonderheiten und den Klang anderer Stimmen imitieren. Stallworth bohrt nach: Was ist denn mit meiner Stimme? Jeder weiß, was gemeint ist, aber alle winden sich wegen des Potentials anmaßender Zuschreibungen: Stallworths Stimme ist dunkel und hat viel Volumen, Zimmerman hat eine ähnlich volle Stimme, aber sie ist eben nicht ganz so sonor.

Dieser Tauschhandel bietet Lee die Möglichkeit, sein Thema des gesellschaftlichen Ausschlusses auf eine breitere Basis zu stellen. Zimmerman ist nämlich Jude, mit seinem Jüdischsein aber nicht im heutigen Sinne identifiziert, jedenfalls noch nicht. Sicher, es war auch für Juden nicht immer einfach in den USA, räumt Stallworth ein, an die schwarze Ausschlusserfahrung komme das aber trotzdem nicht heran: weil »ihr immer als weiße Mittelklasse durchgehen konntet«

In »BlacKkKlansman« werden viele solcher Gegensätze, Parallelen und Dopplungen aufgemacht, Lee findet das dramaturgisch angebracht und wirksam. Dass zum Beispiel ein jüdischer Mann im Namen eines Schwarzen agiert, ist biografisch gedeckt und wirkt in einem Storyboard sicher auch reizvoll, führt hier aber zu umständlichen Unwahrscheinlichkeiten. Es zündet nicht mal die zentrale und titelgebende Zuspitzung, nämlich der Moment, in dem Stallworth seinen KKK-Mitgliedsausweis wie eine Trophäe in Händen hält.

In »BlacKkKlansman« wird nicht nur die Komik mit dem Holzhammer betrieben. Es gibt auch viel ernsten Text. In einer Szene spielt ein rührend gebrechlicher Harry Belafonte vor jungen Zuhörern einen Oral-History-Zeitzeugen und schildert in allen grausamen Details eine Lynchszene von 1916. In dieser Weise wird der Film einige Male extradiegetisch unterbrochen.

Diese Einschübe bilden so etwas wie die Kettenglieder eines unablässigen, aggressiven und tödlichen Rassismus. Darin findet auch die Erinnerung an die vielen Vorfälle der letzten Jahre Platz, die Erschießungen schwarzer Männer durch Polizisten, die Nachwirkungen des Hurrikans Katrina 2005, die Ermordung von Kirchgängern in Charleston 2015 oder die Terrorattacke auf Gegendemonstranten des »Unite the Right«-Aufmarsches in Charlottesville 2017. Die Wut und der Schrecken, die die Handy- und TV-Bilder dieses Vorfalls als Epilog zeigen, gehören zu den berührendsten Momenten in diesem Film.

Ein weiterer Exkurs geht in die Filmgeschichte und führt David W. Griffiths »The Birth of a Nation« von 1915 ein, der sich aus naheliegenden Gründen auch noch 1978, in der Gegenwart von Lees Film, als Wichsvorlage für weiße Suprematisten eignet.

Aber das Historisieren ist in diesem Film selbst eingebettet, da er in der Zeit der skulpturalen »Afros« und der Blaxploitation-Filme angesiedelt ist. Vielleicht musste das so sein, denn das ermöglichte es Lee, einen etwas unverhohlenen, weniger befangenen Rassismus darzustellen, um so gewisse Vorstellungen und Thesen zu unterstützen.

Lee geht von einem Rassismus aus, der unüberwindlich und einvernehmlich ist und im besten Fall mal sein Erscheinungsbild ändert. Es gibt immer noch die weißen Suprematisten und Nazis, aber eben auch Alt-Right und Donald Trump. In »BlacKkKlansman« wird ein Ku-Klux-Klan gezeigt, der Verbindungen ins Militär und in die Geheimdienste unterhält und dabei eine Strategie öffentlicher Entradikalisierung verfolgt. Daraus leitet Spike Lee seine Hauptthese ab: Die Präsidentschaft Donald Trumps ist die aktuellste und bislang erfolgreichste Umsetzung dieser Bestrebungen.

In der Logik dieser Verkettungen lebt der Rassismus aber nicht nur fort, er wird darin auch zu einer überzeitlichen Konstante des menschlichen Zusammenlebens. Lees taktischer Pessimismus muss dabei ausblenden, was sich in den letzten 40 Jahren auf staatlicher, sozialer und privater Ebene verändert hat. Und das gerade im massenmedialen Bereich in den USA, wo es zu deutlichen Diversifizierungen in Darstellungen von minderheitlichen Belangen, Subjektivitäten und Ausdrucksweisen gekommen ist.

Wenn man in diesen Veränderungen nur Kosmetik sieht, dann müsste man eigentlich auch den Anspruch aufgeben, künstlerischen Produktionen politische Wirkungen zuzusprechen. Lee hält trotzdem an der militanten Attitüde fest und hat sich überzeugt gezeigt, mit dieser Filmkomödie auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. »BlacKkKlansman« will ein umgekehrtes »The Birth of a Nation « sein, nur halt nicht so episch. Spike Lee hätte sicher nichts dagegen, wenn sein Film große Aufstände auslösen würde.

Manfred Hermes

Zurück