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Bildbuch

04.04.2019 00:00

Regie: Jean-Luc Godard; mit Jean-Luc Godard; Frankreich 2018 (Grandfilm); 94 Minuten; ab 4. April im Kino

In Agnès Vardas rührendem Roadmovie »Augenblicke. Gesichter einer Reise« war er die große Leerstelle am Ende: Ihr ehemaliger Weggefährte Jean-Luc Godard versetzte die sympathische Filmemacherin und hinterließ ihr bloß eine schnippische Nachricht – sehr zu Vardas’ Unmut. Wo mag sich der kamerascheue Guru der Nouvelle Vague versteckt haben? Wenn man sich sein nach eigener Aussage letztes Werk »Bildbuch« ansieht, kann man vermuten, dass er in einem Berg von alten, staubigen VHS-Kassetten nach den besten Filmschnipseln suchte. Denn das ist der generelle Eindruck, den das in Cannes mit einem Spezialpreis ausgezeichnete Werk vermittelt: ein archivarischer Blick in das visuelle Gedächtnis des Jean-Luc Godard.

»Bildbuch« passt in die Reihe von Essayfilmen, die Godard seit einigen Jahren in unregelmäßigen Abständen produziert. Aber im Gegensatz zu Werken mit relativ klaren Absichten wie »Histoire(s) du Cinema« und »Film Socialisme« ist »Bildbuch« eine Kakophonie der Bilder. In fünf losen Kapiteln wirft der inzwischen 88jährige (Bewegt-)Bilder, Texte und Musik zusammen und erzeugt so, je nach Perspektive, ein prätentiöses Durcheinander oder einen Kommentar auf die Informationsflut der Gegenwart. Die Brüder Lumière, Pier Paolo Pasolini, Fjodor Dostojewski, Elias Cannetti, Dsiga Vertov, Alfred Hitchcock, Leonardo da Vinci und Dutzende andere (hauptsächlich männliche) Künstler treffen hier in einem filmischen Spiegelkabinett aufeinander; die Bilder sind oft verzerrt und überbelichtet, die Musik stockt, bricht immer wieder ab.

Manches ist dabei auch für Uneingeweihte interessant: Im dritten Kapitel untersucht der Regisseur etwa essayistisch den Zusammenhang von Film und Eisenbahn. Da wird der berühmte, auf die Zuschauer zurasende Zug des frühen Kinos plötzlich zu einem Transport nach Auschwitz und stellt so die Verbindung zwischen Kino, Technologie, Propaganda und Faschismus her. Im letzten Bild der Sektion überlagern sich Zugräder und im Projektor rotierendes Zelluloid. Insgesamt aber ist »Bildbuch« vor allem ein Film für die unermüdlichen Godard-Exegeten, die sich die Mühe machen wollen, alle selbstreferentiellen Schnipsel zu entschlüsseln. Spätestens wenn der »Altmeister« einem am Ende nur noch über Schwarzbild wirr in die Ohren röchelt, dürften auch noch so cinephile Betrachter/innen dankend abwinken – sollte man meinen. Aber nein, manch Kritiker spricht von einem »Jahrhundertwerk «.

Tim Lindemann


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