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Beach Bum

28.03.2019 12:05

Regie: Harmony Korine; mit Matthew McConaughey, Snoop Dog; USA 2019 (Constantin); 95 Minuten; seit 28. März im Kino

Als Moon Dog aus seinem eigenen Haus abgeführt wird, erklärt er dem Poolreiniger noch, er schreibe jetzt »den nächsten großen amerikanischen Roman. Vielleicht gibt’s einen Gangbang, wenn ich zurück bin. Ich lad deine Mutter ein!« Worauf sich der Angestellte artig bedankt: »Thank you, Mr. Moon Dog.«

Sucht man nach einer Übersetzung für »Bum«, liefert Google beflissen gleich sieben mögliche Übersetzungen: Gammler, Hintern, Arsch, Rumtreiber, Landstreicher, Schnorrer, Pennbruder. Harmony Korine berücksichtigt in seinem neuen Film »Beach Bum« all diese Bedeutungen. Vor allem den Hintern des Hauptdarstellers Matthew McConaughey lernt man ausführlich kennen, schon das ist eine wahre Freude. Aber die von McConaughey verkörperte Figur Moon Dog ist auch alles andere. Der Mann läuft permanent mit Bierdose oder Joint in der Hand durch den sonnendurchfluteten Film, meistens mit beidem. Nur wenn er mit einer alten Schreibmaschine auf den Knien – meist irgendwo am Strand – wie wild und irre grinsend in die Tasten kloppt, fehlen seine wichtigsten Utensilien. Er befindet sich auf der Suche nach Inspiration und einer Antwort auf die Frage, was Poesie eigentlich ist, und findet dabei Sätze wie: »Wenn ich an mir herab- und meinen Penis ansehe und daran denke, dass er heute schon zweimal in dir drin war – dann fühle ich mich schön.«

Die Inszenierung wimmelt von Fallstricken für den an Kulturindustrieprodukten geübten Zuschauer. In der knallbunten Welt, die zwar die aus »Spring Breakers« (konkret 3/13) bekannte Musikvideoästhetik weiterführt, aber von der Düsternis des Vorgängerfilms weitgehend bereinigt ist und die rund um den in praktisch jeder Szene anwesenden McConaughey erschaffen wird, herrscht eine eigene innere Logik, die immer wieder Plotgewohnheiten bricht. Moon Dog ist ein vollkommener Hedonist, für ihn besteht das Leben aus Drogenkonsum, Sex und Schreiben, für alles andere interessiert er sich nicht weiter. Er ist gewissermaßen ein realistischer Superheld – einzige Superkraft: Triebabfuhr, nichts auslassen, Unsinn treiben. Als ihn seine reiche Freundin Minnie (Isla Fisher) am Telefon an die bevorstehende Hochzeit der gemeinsamen Tochter (Stefania LaVie Owen) erinnert, ist sich Moon Dog sicher: »Das kann nicht sein, sie ist erst 16«, worauf ihm Minnie fröhlich erklärt, die Tochter sei 22, er solle doch pünktlich sein. Was natürlich nicht klappt.

Der Skandal ist programmiert, Freundin und Tochter sind stinksauer, der Mann entschuldigt sich, aber etwas im Verhältnis vor allem zu seiner Tochter ist endgültig zerbrochen. Er fängt an, über seinen Lebenswandel nachzudenken, beschließt, sich zu ändern, im dritten Akt Versöhnung oder tragisches Ende, jedenfalls irgend etwas mit Familie. Hollywood eben.

Nichts davon bei Korine. Dass Moon Dog zu spät kommt, wird nicht weiter beklagt, dass er total betrunken respektive bekifft ist, auch nicht, und weil er die Zeremonie aus nächster Nähe mitbekommen will, schmiegt er sich auf offener Bühne von hinten an die Tochter, nur den spießigen Schwiegersohn (»Wie war noch mal dein Name?«) mag er nicht. Später wird gesoffen, ein Joint geraucht, Moon Dog beobachtet Minnie beim Herumknutschen mit dem Kumpel, dem Gangster und Super-Hanfpflanzen-Besitzer Lingerie (Snoop Dogg), was ihn zwar irritiert, aber dann schon klargeht, schließlich hat er ja Stunden zuvor ebenfalls mit einer Zufallsbekanntschaft gefickt, weshalb er auch zu spät gekommen ist.

Immer wieder versuchen sich die üblichen Plot-Points einzuschleichen, doch Moon Dog lacht sich über derlei Versuche nur lauthals schlapp. Die heiratende Tochter, Minnies Tod nach einer gemeinsam durchzechten Nacht bei einem Autounfall, Minnies Testament, in dem sie verfügt, dass er ihr Vermögen nur erbt, wenn er sein neues Buch zu Ende schreibt, die daraus resultierende existentielle Notlage, ein verordneter Entzug – alles wird von dem nach wie vor völlig berauschten Moon Dog weggelacht oder per beherztem Sprung durchs Fenster umgangen. Die einzige Weiterentwicklung in »Beach Bum« besteht darin, dass die Joints immer größer werden. Ach ja, und ab etwa der Hälfte der 105 Minuten ist McConaughey meistens in Frauenkleidern zu sehen.

Innerhalb der Logik der Moon-Dog-Welt wird vor allem geliebt, jedenfalls von ihm, eigentlich immer körperlich, und die Feminisierung ist – wie das Verlachen der Hollywood-Konventionen – ebenfalls logisch. Sein Körper ist dabei dauernd in Bewegung, fließt, hängt und klebt gestikulierend an irgendwelchen anderen Körpern, ihm bekannten wie unbekannten, alten wie jungen, weiblichen wie männlichen (obwohl die Figur ungebrochen heterosexuell ist). Auch hier dreht der Indie-Regisseur den Spieß um: Der irre Strandpenner und seine Welt erscheinen als Normalität, und wann immer Vertreter der »realen«, konventionellen Welt (Polizisten, der Schwiegersohn) in die seine eindringen, wirken sie falsch, steif, grau, fehl am Platz.

So kann man den Film gut und gerne als radikale Kritik an bürgerlicher Normativität, vage im Marcuseschen Sinn, auffassen. Moon Dog lebt in einer transzendenten Welt, in der kapitalistisch-bürgerliche Tugenden und Notwendigkeiten noch als zu überwindende Hindernisse existieren, aber keine große Rolle spielen. Das gute Leben findet sich in der Überwindung, und diese ist Vorbedingung zum Eintritt. Der Film ist dabei so unverkopft und auch visuell überwältigend, dass man den unendlichen Spaß, den der Protagonist zelebriert und den Korine sehr offensichtlich beim Drehen hatte, als solchen einfach hinnehmen und genießen darf.

Moon Dog schreibt das Buch übrigens schließlich zu Ende, weil er die über 50 Millionen Dollar Erbe dann doch braucht. Wofür, das schauen sich bitte alle selbst im Kino an.

Nicolai Hagedorn 

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