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Ballon

22.10.2018 15:40

Regie: Michael Herbig; mit Friedrich Mücke, Karoline Schuch; Deutschland 2018 (Studiocanal); 125 Minuten; seit 27. September im Kino

Der neue Film von »Bully« Herbig zeigt – fristgerecht zum deutschen Einheitsbrei – die Flucht zweier Familien aus der DDR per selbstgebasteltem Ballon. Er zeigt aber vor allem, auf welchen todeswürdigen Hund das deutsche Mainstreamkino gekommen ist: Alles hier ist Effekt, alles muss expliziert werden, jedes Klischee bedient, und obendrauf gehört eine fette Portion Streichersound, Dauerdröhnen, das dramatisieren soll, wo nichts dramatisch ist. Wenn der Sohn der einen Familie seiner Freundin, der Tochter eines Stasi-Mitarbeiters, einen Abschiedsbrief in den Kasten wirft, bläst Herbig das mit Soundkulisse und Gruselästhetik auf, damit auch jeder mitkriegt: Hier, aufregende Szene!

Oder wie macht man deutlich, wie groß der Druck auf die Familien nach dem ersten gescheiterten Fluchtversuch war? Nichts einfacher als das: ein paar tränenreiche Szenen mit der Mutter und Nonsenssätze wie: »Versprich mir, dass den Kindern nichts passiert!« Es braucht eine anrührende Wendung? Kein Problem, Tüftlervater heult in den Armen seiner Frau: »In meinem Leben ist mir doch sonst alles gelungen, schluchz, nur diesmal habe ich versagt, schluchz« – worauf die Söhne ihm versichern, er habe gar nicht versagt, der Ballon sei doch geflogen – zack, Verzweiflung weg, Wendung fertig. So geht das zwei Stunden lang. Die Stasi-Leute sind düstere Oberstleutnants oder dümmliche Aufschneider, und wenn sie die Grenze abriegeln, muss einer sagen: »Hier kommen sie auf keinen Fall durch!«

Zudem ist Herbig, auch wenn er von Schwulenwitzen ins ernste Fach wechselt, vollkommen unfähig, eine Geschichte zu erzählen; es bleibt unklar, wovor diese Familien eigentlich genau fliehen, schließlich sind sie mit Wartburg, eigenem Haus und Berlin-Urlaub recht gut versorgt. Nachdem auch der zweite Ballon abgestürzt ist, finden die beiden Männer (die Frauen sind natürlich bei den Kindern im Wald geblieben) bald eine Straße, und genau in diesem Moment kommt ein Polizeiwagen vorbei und blendet sie so, dass sie ihn nicht als Westauto erkennen. Als sie fragen, ob sie nun im Westen seien, bekommen sie mit leichtem Akzent die Antwort: »Nein, in Oberfranken.« Dieser karge Witz ist der beste Moment des Films. Danach wird noch die »Bildzeitung« in die Kamera gehalten.

Nicolai Hagedorn

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