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24.10.2019 10:41

Regie: Mark Jenkin; mit Edward RoweSimon SheperdGroßbritannien 2019 (Arsenal Distribution); 88 Minuten; seit 24. Oktober im Kino

Der bullige Typ ist so was von geladen. Man sieht es sofort in der Nahaufnahme: die Augen zu Schlitzen verengt. Das Häuschen der Familie mussten die Brüder Martin und Steven als Feriendomizil an snobby Städter verkaufen, die vom Fischerdorf Besitz ergreifen und ihnen das Leben schwer machen; das Boot hat Steven zum Auflugsschiff für Touristenhorden umfunktioniert, und Martin verdient als Fischer ohne Boot »not ’nough«. Auf zum Klassenkampf mit (zunächst in der Tasche) geballten Fäusten!

Auch die Form von Mark Jenkins erstem Langfilm ist rebellisch und traditionsreich zugleich, ein avantgardistisches Kitchen-Sink-Drama (nicht nur wegen der ärmlichen Küchenanrichte als Motiv), das wenig Heutiges an sich zu haben scheint – doch das Radio kündet vom Brexit. Gegen die als Modernisierung verkaufte wachsende Ungerechtigkeit setzt der in Cornwall aufgewachsene und lebende Regisseur grobkörnige Schwarzweißaufnahmen im altmodischen 16-Milimeter-Format, als Stummfilm gedreht und nachsynchronisiert, sowie eine atemberaubend rasante Schnitttechnik.

Hin und her geht es zwischen Fischfang und Tourismus. Bilder der arbeitenden Hand und der Fischereiutensilien, Taue und Netze (die in den Ferienhäusern als maritime Dekoartikel dienen), kontrastiert er mit Bildern der einfallenden sonnenbebrillten Sommergäste, für die die Kühlschränke gefüllt werden.

Wenn die beiden Welten aufeinanderprallen, wird auch die Montage aggressiv, die Handlungen (ein Hummeressen, ein kochendes Liebespaar und ein Showdown im Pub) verschränken sich. Die Parteien, Gesichter im Gegenschnitt, liefern sich Wortduelle, die die Alteingesessenen gewinnen. »Sie haben uns geweckt!«, beschwert sich ein Hipster bei den Motor anwerfenden Fischern. Antwort: »Verschieben Sie die Gezeiten für uns?« Eine Kellnerin witzelt: »Da vorne redet einer so hochgestochen, dass ich dachte, er spricht Deutsch.«

Doch auf den Höhepunkten der Konfrontation in diesem überraschend fesselnden Kunstwerk verstummt der Ton. Ken Loach wirkt pathetisch und plapperhaft dagegen.

Plötzlich zerbrechendes Glas, ein Bewusstloser. Vorausdeutungen, die erst am Ende, wenn die Bilder im Zusammenhang erscheinen, zu verstehen sind. Nicht nur das Deko-Bullauge im cosy cottage überlebt den Film nicht. 

Marit Hofmann

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