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„Avengers 4: Endgame“. Kapitalistischer Realismus im Kino

16.05.2019 10:34

Regie: Joe und Anthony Russo; mit Josh Brolin, Robert Downey Jr.; USA 2019 (Walt Disney); 180 Minuten; seit 24. April im Kino

Wie der Titel nahelegt, steht in der aktuell die Kinokassen füllenden Marvel-Comicverfilmung „Avengers 4: Endgame“ alles auf dem Spiel. Die Superheld*innen (Captain America, Iron Man, Hulk, Thor, Black Widow und Co.) treten gemeinsam an, die Taten ihres Gegenspielers Thanos zu revidieren, der am Ende des Vorgängers „Infinity War“ die Hälfte aller Lebewesen im Universum ausgelöscht hat.

Es geht also ums Ganze. Zwei mögliche Ausgänge, zwei radikal unterschiedliche Universen: eins, das auf einem Massenmord gründet, ein anderes, das die Toten zum Leben erweckt. Allerdings unterscheiden sich die beiden Wirklichkeiten am Ende doch nicht so stark voneinander.

In „Infinity War“ vernichtet Thanos Leben, um dem Leben Raum zu geben. Der Massenmord soll die ökologische Katastrophe abwenden. Einen halben Planeten umzubringen sei ein kleiner Preis für die Erlösung.

Der Massenmörder reagiert auf einen Umstand, den beide Filme nie in Frage stellen: Die materiellen Grundlagen des Lebens, die Ressourcen, sind begrenzt. Die Reaktion des außerirdischen Superschurken ist der Logik der echten Welt nicht fremd: „Es ist eine einfache Rechnung.“ Im Grunde schlägt Thanos eine Art kosmische Human- oder vielmehr Biokapitalherabsetzung vor. Weder ihm noch seinen Gegnern kommt die Idee, das universale ökologische Problem zu lösen, indem man die Gesellschaft verändert.

Der Hauptbezugspunkt der Erzählung, die beide Filme fortspinnen, bleibt die Erde und damit der Kapitalismus, der die natürlichen Ressourcen bekanntlich rasend schnell ihrem Ende zutreibt, aber im Film selbstverständlich unhinterfragt bleibt. Thanos spricht ganz allgemein davon, das Leben einzuschränken, als ob es diesem inhärent wäre, beständig über die eigenen Grenzen hinauszuwachsen. Damit verweist er gesellschaftlich Gemachtes auf die Biologie und naturalisiert den Kapitalismus auf die bekannte Art.

In „Endgame“, im Jahr 5 nach Thanos, ist die Hälfte aller Lebewesen vernichtet und die Welt sonderbar widersprüchlich: die Skyline von Manhattan bei Nacht kaum von Lichtern erleuchtet, verwahrloste Straßen in San Francisco, die an die verlassenen Innenstädte der Gegenwart erinnern. Zugleich ist die Wirtschaft noch intakt, zumindest werden neue Autos produziert, es gibt Restaurants und Erdnussbutter, man geht zur Arbeit. Und Captain America, der für ungebrochenen Optimismus steht, beobachtet Wale im Hudson River, was er darauf zurückführt, dass es nun weniger Schiffe gibt. Das Paradies, von dem Thanos geträumt hat.

Klar, diese Welt ist als Metapher zu lesen: für die Zerrissenheit der Überlebenden, die Captain Americas Imperativ nicht Folge leisten können: „You got to move on. You got to move on.“ Er scheint ihm selbst nicht ganz zu trauen, warum sonst muss er ihn zwanghaft wiederholen.

Die Superheld*innen werden aus ihrem Dilemma gerissen, als sie die Möglichkeit bekommen, die Zeit im wahrsten Sinne des Wortes zurückzudrehen und Thanos´ Taten ungeschehen zu machen. Die letzten zwei Dritteln des Films agieren eine Art militantes Erinnern aus. Thanos kämpft beim zweiten Durchlauf seiner großen Schlacht gegen die Avengers in erster Linie gegen die Erinnerung: Er hegt nun den Plan, das gesamte Universum zu zerstören, um aus dem Nichts ein neues zu schaffen. Nur so kann er sicherstellen, dass alle Erinnerung ausgelöscht wird.

Die Zerrissenheit in „Endgame“ hängt damit zusammen, dass diese Welt die alte ist. Wer sie bewohnt, kann sie nicht in ihrer Totalität ablehnen; in gewisser Hinsicht ist es die Welt, die die Held*innen zu verteidigen angetreten waren. Abgelehnt werden können nur die Mittel, die Thanos einsetzt.

Schlagen die Filme nun andere Mittel vor? Iron Man etwa fährt mit einer Audi-Limousine, unter deren Kühlergrill der Elektroautomarkenname E-Tron prangt. Hoffnung liegt also in der Entwicklung der Technik. Ressourcen sollen eingespart werden, damit wir so weiter machen können wie bisher.

So erscheint Thanos´ antivitalistische Zerstörung als große perverse Metapher eines allumfassenden Sparprogramms: Solange wir unseren Verbrauch reduzieren, kann alles so bleiben. Die Gegner in diesem Endspiel treffen sich darin, dass sie das Bestehende erhalten wollen.

Ulrich Steinberg


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