Aktuelles

tl_files/hefte/2019/abo0919start.jpg

To watch this video, you need the latest Flash-Player and active javascript in your browser.

Tomayers Video-Tagebuch

No-Go-Area Deutschland

Filmkritiken

Termine

Spot on

Auch Leben ist eine Kunst. Der Fall Max Emden

25.04.2019 10:00

Regie: Eva Gerberding / André Schäfer; mit Juan Carlos Emden und dem Hamburger Poloclub; Deutschland 2018 (Real Fiction); 90 Minuten; seit 25. April im Kino

Mag das wohl Zufall sein? Kurz bevor ein Dokumentarfilm über Max Emden die Blamage öffentlich macht, ist die für Raubkunst zuständige Limbach-Kommission der Bundesregierung offenbar noch einmal in sich gegangen und empfiehlt plötzlich, zwei Bilder des Malers Canaletto an die Familie des während des Nationalsozialismus enteigneten Großkaufmanns und Kunstsammlers zurückzugeben. Emden, Gründer des KaDeWes in Berlin, starb 1940 im Schweizer Exil. Ein Canaletto befand sich damals auf dem Weg in Hitlers Privatsammlung, zierte dann bis in die achtziger Jahre die Villa Hammerschmidt, bis er ins Militärhistorische Museum der Bundeswehr in Dresden kam.

Die Empfehlung wiederum bringt die Bundesregierung in Bredouille. Denn es befinden sich etwa 2.500 weitere Kunstgegenstände in ihrem Besitz, die nach diesem Präzedenzfall zurückgegeben werden müssten. Bisher hat sie alle Werke, die – egal, unter welchen Umständen – gegen Zahlung 1933 bis 1945 an den deutschen Staat gingen, als rechtmäßig erworben deklariert. Ganz nach dem Motto, der Jude kriegt den Hals ja eh nie voll.

Der Film, der den Verbleib von Emdens Besitz erforscht, bringt den Antisemitismus ans Licht und entlarvt den deutschen Umgang mit den Ansprüchen jüdischer Familien als Heuchelei. Der Enkel Juan Carlos Emden übernimmt es, die Lebensgeschichte seines Großvaters zu erzählen. Biografen, Rechtsanwälte, Journalist*innen und Provenienzforscher*innen unterstützen ihn dabei. Historische Aufnahmen illustrieren die Biografie: zunächst Max Emdens Zeit in seiner Heimatstadt Hamburg, in der er Kunst akquirierte und den Kunstverein mit finanzierte, ab 1928 sein mondänes Leben im Tessiner Exil. Die Schönheit, Ausgelassenheit und Lebenslust kontrastieren die Filmemacher, die hin und wieder mit reißerischer Musik und einem leicht gewollten Spannungsbogen arbeiten, mit Nazi-Aufmärschen und der Enteignung jüdischer Bürger*innen. Dazwischen blenden sie das heutige Hamburg und die Schweiz ein – es erinnert kaum noch etwas an den Savoir-vivre-Anhänger.

Der Vorsitzende des von Emden in Hamburg gegründeten Polo-Clubs eröffnet dem Enkel mit einer Umarmung, dass man just einen Max-Emden-Preis für einen Turniersieg eingeführt hat, um die Erinnerung an den Gründervater aufrechtzuerhalten. Hat man das vielleicht direkt im Anschluss an die Interviewanfrage beschlossen?

Maischa Gelhard

Zurück