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Another Day of Life

05.04.2019 11:22

Die knapp 90 Minuten schließen mit einem Zitat des Journalisten Ryszard Kapuściński ab: „Armut hat keine Stimme. Meine Aufgabe ist es, ihr Gehör zu verschaffen. Das ist meine Mission.“

Womit das Problem mit dem Starreporter Kapuściński bereits beginnt, denn Berichterstatter mit Mission sind im Grunde keine, und der Dokumentarfilm „Another Day of Life“ findet keine angemessene Haltung zu der durchaus umstrittenen Figur Kapuściński, dem später vorgeworfen wurde, Reportagen und Interviews teilweise erfunden und Tatsachen aus erzählerischen Gründen verfälscht zu haben. Im Gegensatz zu Claas Relotius konnte das seiner Popularität nichts anhaben, ganz im Gegenteil ist nun mit „Another Day of Life“ eine filmische Hommage erschienen.

Der Film zeigt Kapuścińskis Recherchen während des angolanischen Bürgerkriegs in den Wochen und Monaten vor der Unabhängigkeit der vormaligen portugiesischen Kolonie. Diese sollte am 11. November 1975 ausgerufen werden, was verschiedene verfeindete Bewegungen in Angola zu dem Versuch veranlasste, sich bis zu diesem Termin die Kontrolle über die Hauptstadt Luanda zu sichern. Insbesondere die Tatsache, dass die populärste Bewegung, die sogenannte MLPA (Movimento Popular de Libertação de Angola) eine sozialistische war, führte dazu, dass sich die verfeindeten Gruppen bald als Stellvertreter der Parteien des Kalten Krieges wiederfanden; insbesondere Kuba unterstützte die MPLA militärisch, was auch der Film ausführlich schildert. Überhaupt zeigt “Another Day of Life” die Geschehnisse aus Sicht der sozialistischen Befreiungsarmee, enthält sich des üblichen Antikommunismus, und dass Kapuściński Unterstützer der MPLA ist, führt zu einem außergewöhnlichen Filmerlebnis, das das Hoffnungsvolle, das in sozialistischen Aufbrüchen eine Rolle spielt, erkennbar macht.

Die Erzählung konzentriert sich dabei auf die Geschichte des Reporters, die Sequenzen mit Kapuściński sind animiert; nur Interviewfetzen mit den damals beteiligten Kollegen, politischen Akteuren und einige Originalaufnahmen unterbrechen die Animation. Das ist durchaus spannend inszeniert, die beiden Regisseure Raúl de la Fuente und Damian Nenow finden aber kein vernünftiges Maß für ihre Darstellung und das dauernde Zu-dick-Auftragen nervt bald. So wird der Reporter als rauer Abenteurer gezeigt, als moralisch einwandfreier, furchtloser Kämpfer für die Armen, der dauernd Moral triefende, aber sehr banale „Weisheiten“ absondert. Dabei wird die Rolle, die Kapuściński im Verlauf der bewaffneten Auseinandersetzung spielte, heillos übertrieben, und weil sich die Filmemacher total auf ihre Heldenverehrung konzentrieren, entgleiten ihnen die politischen Zusammenhänge, die so verkürzt dargestellt sind, dass sie mit der historischen Wirklichkeit nicht mehr viel zu tun haben.

So wird das Leitmotiv des Films, das portugiesische Wort „confusão“ (Wirrnis), das laut Kapuściński das politische Durcheinander in Angola beschreibt, zur treffenden Beschreibung des Films selbst.

Nicolai Hagedorn

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