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Am Sonntag bist du tot

23.10.2014 13:03

Regie: John Michael McDonagh; mit Brendon Gleeson, Kelly Reilly; Irland/Großbritannien 2014 (Ascot Elite); 100 Minuten; ab 23. Oktober im Kino

Ein kleines Mädchen auf einem einsamen Feldweg. Plötzlich taucht hinter ihr eine düstere Gestalt auf – ein milde lächelnder Priester im schwarzen Talar. Ein an und für sich harmloses Bild, das durch die Missbrauchsskandale in katholischen Einrichtungen in den vergangenen Jahren stark emotional auf geladen ist, ganz besonders in Irland.

Der irische Regisseur John Michael McDonagh nutzt die Macht solcher Bilder nun voll aus; allerdings nicht für den erwartbaren billigen Schockeffekt, sondern um eine komplexe Geschichte um Schuld und Vergebung zu erzählen, die unberechenbar zwischen Krimikomödie und Psychodrama, Groteske und Tragödie pendelt.

»Am Sonntag bist du tot« (so der an Italowestern gemahnende deutsche Titel von McDonaghs Film »Calvary«) beginnt mit einem narrativen Clou, für den sich mancher Thrillerautor ein Bein ausreißen würde: Im Beichtstuhl erklärt ein armer Sünder dem gutmütigen Dorfpriester Father Lavelle, dass er ihn in einer Woche töten wird. Die Person, die für die Zuschauer verborgen bleibt, erklärt, sie sei als Kind von einem »bad priest« missbraucht worden und würde nun im Gegenzug willkürlich einen »good priest« umbringen. Lavelle weiß von Anfang an, um wen es sich handelt, der Film verrät es aber bis kurz vor Schluss nicht.

McDonagh präsentiert nun in bester Agatha-Christie-Manier alle Verdächtigen des Dorfes, von denen sich einer als widerlicher als der oder die andere erweist: Sie alle verachten den Priester trotz oder wegen seines eher entspannten Katholizismus und versuchen, ihn mit ihrem zynischen Welthass zu brechen. Im Grunde sehnen sie sich nach einer moralischen Instanz, aus verschiedenen Gründen können sie in Lavelle aber nur die verhasste Institution Kirche sehen, nicht den Menschen mit offenem Ohr.

Mit dem gleichen trocken-drastischen Humor, der schon seinen Vorgängerfilm »The Guard« kennzeichnete, widmet sich McDonagh hier noch gekonnter einer an und für sich tiefschwarzen Geschichte: Schon lange hat ein Film seine Zuschauer nicht mehr so vom Kichern zum Keuchen getrieben. Das gelingt vor allem durch die einfühlsame Charakterzeichnung von Lavelles Tochter (!), die als Bindeglied zwischen dem Glaubensmann und der scheinbar verrohten Welt fungiert. Am besten versteht man den Film als äußerst clever provozierende Polemik gegen verallgemeinernde Verurteilungsmechanismen und Abwehrhaltungen – vor allem aber ist er wohl das überzeugendste filmische Porträt eines Geistlichen seit »Adams Äpfel«.

- Tim Lindemann -

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