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Alles ist gut

22.10.2018 16:10

Regie: Eva Trobisch; mit Aenne Schwarz, Andreas Döhler; Deutschland 2018 (NFP); 93 Minuten; seit 27. September im Kino

»Ja, ja, ›nein heißt nein‹«, sagt Janne, als sie ihrer Mutter die Schramme auf ihrer Backe erklärt. Ein zudringlicher Bekannter. Die Mutter ist entsetzt, Janne lacht bitter, als wäre dieser feministische Kampfruf, den sie nur noch ironisch anführt, nichts, was mit ihrem modernen Frauenleben zu tun hätte. Es ist doch nichts passiert. Niemandem kann Janne davon erzählen, dass der seriös-freundliche Typ, mit dem sie auf dem Klassentreffen einen lustigen, versoffenen Abend verbracht hat, dann etwas wollte, was Janne nicht wollte, und sie nach ihrem halb erstaunten, halb resignierten »Echt jetzt?« brutal zu Boden stieß.

Denn Janne, die mit ihrem Partner gerade den gemeinsamen Verlag auflösen muss, ist es gewöhnt zu funktionieren. Sie muss ihren impulsiven – lies: selbstgerecht jähzornigen – Freund davon überzeugen, dass sie eine gut dotierte Stelle in einem großen Münchner Verlag annehmen »darf«, obwohl er mit ihr in ein renovierungsbedürftiges Haus in Niederbayern ziehen will. Keine Zeit für Selbstmitleid oder auch nur Reflexion – welche emanzipierte Frau will heute noch Opfer sein? Dumm gelaufen, abgehakt, und dass der Täter dann auch noch in ihrem neuen Arbeitsumfeld auftaucht und auf pseudo-einfühlsame Art mit ihr »reden« – lies: die Absolution erteilt bekommen – möchte, muss sie ebenfalls abhaken. Auch der neue Chef, Typ väterlicher Freund, heult sich aus, weil seine junge Ehefrau so gemein ist. Stoisch lässt sich Janne alles aufladen, bis sie in eine fast absurde Verweigerung gleitet.

Eva Trobisch, deren Abschlussarbeit auf dem Filmfest München gleich den Preis für die beste Regie und für die beste Hauptdarstellerin gewann, zeigt in beiläufigen, fast dokumentarischen Bildern, was mit Dingen passiert, die für ideologisch überwunden gehalten werden. In einer vermeintlich postsexistischen Blase kann es, darf es so etwas wie Vergewaltigung nicht mehr geben, und wer sich selbst dennoch als Opfer begreift, gesteht damit seine Komplizenschaft mit reaktionären Kräften ein. Auch wenn der Film der armen Janne arg viel Unbill aufbürdet, büßt die Kritik am neoliberalen Individual-Empowerment, in dem jede Verletzung Versagen heißt, nichts an ihrer Schärfe ein. Vielleicht dann doch wieder mehr »nein« statt »alles ist gut«.

Sonja Eismann

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