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A Most Wanted Man

11.09.2014 13:31

Regie: Anton Corbijn; mit Philip Seymour Hoffman, Willem Dafoe; 122 Minuten; USA/Großbritannien/Deutschland 2014 (Senator); ab 11. September im Kino

Die Anschläge vom 11. September 2001 stürzten nicht nur die Welt der Geheimdienste in eine Legitimationskrise, sie haben auch das Genre des Spionagethrillers um sein klares Feindbild gebracht. (Abgesehen von der fixen Idee, daß der Feind heute Bart trägt und aus dem Koran zitiert.) Anders als noch zur Zeit des Kalten Krieges hatten es die westlichen Geheimdienste mit einem Gegner zu tun, der zwar nicht mehr über ihre technischen Möglichkeiten verfügte, sich den gängigen Verhaltensregeln bei politischen Konflikten aber widersetzte. Der asymmetrische Krieg erforderte einen neuen Typus von Agent, eine Art Jack Bauer, der ebenfalls außerhalb eines unausgesprochenen Konsens operiert. Eine Weile schienen diese Praktiken ganz erfolgversprechend, Geheimdienste verfallen in Krisenzeiten gelegentlich einem blinden Aktionismus. Bis die öffentliche Meinung erneut kippt. Diese Verunsicherung ist auch dem Narrativ des neueren Agententhrillers eingeschrieben, im Kino herrscht inzwischen eine Jason-Bourne-mäßige Geschäftigkeit. (Selbst dieser von Robert Ludlum erschaffene Superagent des Kalten Krieges wurde für die Ära des Drohnenkrieges reaktiviert.) Altmeister John Le Carré gehört zu den wenigen Autoren, die auch mal einen Blick hinter die Kulissen des Kriegs gegen den Terror geworfen haben und dabei mit einigen Gewißheiten brachen. Zum Beispiel, daß die Geheimdienste wissen, was sie tun.

Anton Corbijns Spionagethriller »A Most Wanted Man«, der auf Le Carrés Roman Marionetten basiert, ist der erste Film dieser neuen Zeitrechnung, und das ist auch erzählerisch zu verstehen, denn im Film geht es weniger um die Auswirkungen des Terrorismus (also »Action«) als vielmehr um die Prozesse der Informationsbeschaffung. Daß dieser Job mitunter unglaublich zäh und langwierig sein kann, ist Philip Seymour Hoffman, der seiner letzten Rolle eine hyperphysische Erschöpfung an der Welt einverleibt, regelrecht ins Gesicht geschrieben. Hoffman spielt den Agenten Günther Bachmann, der einer geheimen Unterabteilung des deutschen Geheimdienstes vorsteht, die selbst den eigenen Vorgesetzten ein Dorn im Auge ist. »Ich leite eine Antiterroreinheit, von der nur wenige Menschen wissen und die von noch weniger Menschen geschätzt wird«, sagt Bachmann einmal zu einer amerikanischen Kollegin. Die Ziele dieser Einheit sind langfristig ausgelegt. Bachmann interessieren nicht die Selbstmordattentäter, sondern die Drahtzieher hinter den Anschlägen: die Ideologen mit Verbindungen über die ganze Welt. »A Most Wanted Man« spielt dort, wo alles begann, am Ground Zero der neuen Zeitrechnung. In Hamburg planten Mohammed Atta und seine Gruppe vor 13 Jahren die Anschläge auf das World Trade Center, vor den Augen des deutschen Geheimdienstes. Man ist also besonders nervös. Daß Corbijn die Stadt kennt, ist dem Film anzusehen. Hamburg dient nicht bloß als Kulisse für ein internationales Agentenscharmützel, die Stadt ist auch stark mit der Geschichte verwoben. Gedreht wurde im Herbst, die Farbpalette changiert entsprechend zwischen gelblichem Grau und schmuddeligem Blau. Hoffmans müde Gesichtszüge heben sich farblich kaum vom Hintergrund ab.

Bachmann und seine Einheit haben einen Verdächtigen im Visier, der wie aus dem Nichts im Hamburger Hafen auftaucht. Issa Karpov ist der Sohn eines russischen Generals, hat aber auch eine tschetschenische Geschichte. Er fungiert gewissermaßen als Bindeglied zwischen der neuen und der alten Zeit, auch sein politischer Status ist der eines Staatenlosen. In Hamburg nimmt Karpov über eine junge Menschenrechtsanwältin Kontakt mit dem Banker Thomas Brue (Willem Dafoe), einem ehemaligen Geschäftspartner seines Vaters, auf. Bachmann und sein Team (unter anderem Nina Hoss und Daniel Brühl) beobachten jeden Schritt des illegalen Neuankömmlings, dessen Erscheinen auch den Behörden Rätsel aufgibt. Die Deutschen und die Amerikaner würden den jungen Moslem am liebsten gleich verschwinden lassen, aber Bachmann gelingt es durch geschicktes Taktieren und mit Hilfe eines mächtigen Verbündeten (gespielt von Herbert Grönemeyer, der auch die unaufdringliche Filmmusik geschrieben hat), Karpov solange aus der Schußlinie der Geheimdienste zu halten, bis die Motive seines Hamburg-Aufenthalts geklärt und die Hintermänner identifiziert sind.

Corbijn interessiert sich eher am Rande für eine äußere Handlung, was in einem Agententhriller ein gewagter Move ist. Thomas Alfredson hat ihn in der anderen maßgeblichen Le-Carré-Verfilmung der letzten Zeit, »Dame, König, As, Spion«, schon bravourös vollzogen. Corbijn geht es im Gegensatz zu Alfredson aber um die Verbindungen, die die Figuren im Zentrum der Geschichte zusammenhalten, sein Ansatz hat fast etwas Strukturalistisches. »A Most Wanted Man« deckt diese Verbindungen sukzessive auf. Oberflächlich betrachtet besteht Corbijns Film aus nicht mehr als minutiösen Beobachtungen von Prozessen, nicht unähnlich der Polizeiarbeit in »The Wire«. Die Komplexität der politischen Verhältnisse wird erst in den Beziehungen der Figuren untereinander deutlich – etwa zwischen Karpov und seiner Anwältin, die beide die Konsequenzen ihres Handelns nicht einmal erahnen. Im Grunde sind sie naive Kinder in einer zynischen Welt des Terrors – der Geheimdienste und der heiligen Krieger. Bezeichnend hier die Dialoge zwischen Bachmann und der von Robin Wright gespielten Leiterin des lokalen CIA-Büros: Da reden zwei nüchterne Pragmatiker, die prinzipiell auf derselben Seite stehen, deren gegenseitiger Respekt aber von professionellem Misstrauen getrübt wird. »To make the world a safer place«, antwortet die Amerikanerin auf Bachmanns Frage, wofür sie eigentlich ihren Job mache. Die Ironie dieser Aussage doppelt Corbijn in nahezu jeder Einstellung der mit Blindheit geschlagenen Ermittler. Daß der ehemalige Rockfotograf endlich mal auf glamouröse Manierismen verzichtet hat (manieristisch ist »A Most Wanted Man« allenfalls in seiner sozialrealistischen Depri-Ästhetik), verleiht den Agentenroutinen eine plausible Tristesse. Günther Bachmann ist das Gegenteil von Le Carrés Figur George Smiley, ein zynischer Idealist. Die Schlußeinstellung ist grandios. Bachmann verläßt die Szenerie eines vorbildlich antiklimaktischen Showdowns, setzt sich wortlos ins Auto und fährt. Steigt irgendwann aus. Der Zuschauer bleibt allein zurück mit diesem Gefühl der Leere.

 – Andreas Busche –

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