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26.03.2015 15:36

Regie: Janusch Kozminski; Deutschland 2014 (Verein für jüdische Kultur und Medien München); 173 Minuten; seit 26. März im Kino

 

Die Dokumentation beeindruckt durch die schier unerschöpfliche Fülle von Bild und Archivmaterial, moderiert von einer emotionslosen Stimme, die der formelhaften Juristensprache in Strafprozessen entspricht. Erste Hälfte der sechziger Jahre: Der Auschwitz-Prozess, initiiert gegen die öffentliche Meinung (»Wann ist endlich Schluss?«) vom Frankfurter Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, richtet sich gegen ausgewählte von purer Mordlust angetriebene SS-Männer vor Ort wie Wilhelm Boger (»Der Teufel von Auschwitz«).

Es ging (noch) nicht um den Holocaust (ein unbekanntes Wort damals), sondern um Menschen, die in den Aufnahmen der Tatzeit, aber vor allem in den Aufnahmen aus dem Prozess mit ihren harmlosen Mittelstandsgesichtern unangenehm nahekommen. Man sieht die karrieregeilen Akademiker, die »nur ihre Pflicht« taten, und die Leichenberge, die Regisseur Janusch Kozminski den Bildern vom Prozess einfügt. Der Kontrast ist schwer erträglich. Er schreit nach einem Ausbruch. Der wird aber nicht geliefert, er wird uns auch nicht durch einen Kommentar, wie wir es heute vom TV gewöhntsind, abgenommen. Los, du bist jetzt dran! Mach was draus! Du selber!

Archivmaterial, das die Vorgeschichte der Judenverfolgung und der Mordaktionen zeigt, leitet den Film ein. Der Mittelteil folgt streng dem Prozessablauf bis zum Urteil vom 19. August 1965, beginnend mit der Entscheidung Bauers, fürs erste nur wenige Einzeltäter, stellvertretend für alle anderen, vorzuführen. Und junge Staatsanwälte einzusetzen, die der Auseinandersetzung mit den »Vätern« ein neues Gesicht gaben. Diese Disposition funktionierte. Als ich exakt zum Schluss des Auschwitz-Prozesses als junger Staatsanwalt zur Zentralstelle in Ludwigsburg zur Verfolgung von Nazi-Verbrechen abgeordnet wurde, hatte ich diesen Elan, diesen Zorn, mit dem wir was anfangen konnten. Wir haben uns, hallo, politisiert.

Zurück zum Film, dritter Teil. Micha Brumlik kommt auf die Singularität des Holocaust zu sprechen. Völkermorde gibt es zahlreich, viele sind uneingestanden (der an den Armeniern). Aber den Mord an Millionen industriell auszuschlachten, blieb dem deutschen Volk vorbehalten. In den Songs von Hans Söllner schließlich wird gefragt, wie wir heute mit Minderheiten umgehen, die zunächst »nur unerwünscht« sind, bis dann zur Tat geschritten wird und das Asylheim brennt. Dietrich Kuhlbrodt

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