Mit maximaler Stärke

Oliver Kahn klebt wieder im Tor, Nancy Faeser markiert die Abwehrchefin, und Jessy Wellmer wurde ausgewechselt. Außerdem hat die Uefa sich in nur zwölf Monaten zehn Stadionnamen ausgedacht. Von Cornelius W. M. Oettle

Kurz nach den Europawahlen beginnt das wichtigste europäische Ereignis des Jahres: Vom 14. Juni bis zum 14. Juli will sich Gastgeber Deutschland bei der Herrenfußballeuropameisterschaft von seiner besten Seite zeigen. Was nicht einfach wird: Im »Expat Insider«, der sich regelmäßig nach den Arbeits- und Lebensbedingungen von Ausländern erkundigt, rangiert Deutschland auf Platz 49 von 53. Besonders, wenn auch nicht besonders überraschend, schlecht schneidet die BRD in den Kategorien »Local Friendliness«, »Finding Friends« und »Culture & Welcome« ab. Aber gut, die Fußballfans empfangen wir sicher netter. Da weiß man ja: Die gehen wieder.

Trotzdem steht vor allem der Grenzschutz im Fokus. Innenverteidigerin Nancy Faeser hält die Kontrollen zu allen deutschen Nachbarstaaten für notwendig, »um mögliche Gewalttäter an der Einreise hindern zu können«. Schade für die Briten: Wenn »mögliche Gewalttäter« nicht ins Land dürfen, muss die englische Mannschaft wohl gänzlich ohne Fanunterstützung auskommen. Einen Sonderschutzstatus gewährt die One-Love-Ministerin der als besonders gefährdet eingestuften ukrainischen Nationalmannschaft, deren Spieler sich somit voll und ganz auf den Sport konzentrieren können, sofern Selenskyj sie nicht für fahnenflüchtig erklärt und einen Auslieferungsantrag stellt.

Ob hingegen die deutschen Schutzmänner zur Fahne greifen dürfen, hängt vom Bundesland ab: So ist unter anderem in Berlin, Brandenburg und Thüringen das Anbringen von Deutschlandfahnen an Polizeiautos untersagt. Zumindest in Thüringen dürfte sich das bald ändern, wenn ab September Ministerpräsident Höcke übernimmt. In Polizeistaaten wie Bayern und Hessen gilt ein solches Verbot wiederum nicht, hier darf der Streifenwagen schwarzrotgold geschmückt fahren. Glaubt man den einschlägigen rechtsextremen Whatsapp-Gruppen, sind zuvörderst bei der hessischen Polizei aber ohnehin andere Flaggen populär.

Sprachlich präsentiert sich der deutsche Sicherheitsapparat schon mal in Topform: Andreas Roßkopf, Vorstandsmitglied der Gewerkschaft der Polizei, will das Turnier »mit maximaler Stärke« schützen. Sicher auch mit »högschder Disziplin« (Joachim Löw). Also Grenzkontrollen außen, Vorratsdatenspeicherung, Staatstrojaner und biometrische Videoüberwachung im Innern? Früher oder später sowieso, obzwar der Deutsche Anwaltverein gegenpresst und vor einem »Überwachungsstaat unter dem Deckmantel der Terrorbekämpfung« warnt – freilich nur ein harmloser Versuch ohne Chance auf Durchkommen gegen die gut eingespielte Dreierkette aus Politik, Polizei und Leitmedien.

Wer aus Sicherheitsgründen die EM lieber in der Glotze schaut, muss lediglich befürchten, im vorabendlichen Tiefschlaf ausgeraubt zu werden: Die ARD setzt passend zu ihrer restlichen Programmgestaltung auch bei der EM voll auf bewährte Langeweile. Mit Esther Sedlaczek und Alexander Bommes moderieren im Ersten zwei ecken- und kantenlose Narkoseprofis, die mit ihren sympathischen Sedierungssendungen sämtliche Sofagucker zielsicher in Morpheus’ Arme quaken. Im Vergleich wirken die ZDF-Gesichter Jochen Breyer und Kathrin Müller-Hohenstein wie aufgeweckte Charmebolzen, aber wirklich nur im Vergleich. Hätte man allesamt mal testweise durch KI ersetzen können.

Unersetzlich indes: Bastian Schweinsteiger, der die ARD abermals als Experte beehrt. Bei der letzten EM begeisterte Basti Fantasti Millionen von Zuschauern nicht nur mit Schleichwerbung für einen Armbanduhrenhersteller. (Dessen hochpreisiges Produkt präsentierte er während der Fachsimpelei gut sichtbar der Kamera, indem er als Rechtshänder das Mikrofon plötzlich in der Linken hielt. Obendrein bewarb er das Teil gleich noch in der Halbzeit bei Twitter.) Auch mit seinen legendären Experteneinschätzungen wie »da gibt es wohl irgendeine Regel« gab der »wortgewaltige Analytiker« (ARD) allen Möchtegernbundestrainern das gute Gefühl, dass selbst ein ehemaliger Weltmeister, der in der Praxis über jeden Zweifel erhaben ist, durch eine theoretische Fußballprüfung fallen könnte. 

Fraglich jedoch, ob Schweini auch ohne seine kongeniale Partnerin Jessy Wellmer zu brillieren weiß, die nicht mehr im EM-Kader der ARD steht. Die hatte Schweinsteiger bei der letzten Europameisterschaft beim Stand von eins zu null gefragt: »Italien schon mit einer halben Pizza im Achtelfinale?« Schade, aber auch folgerichtig, dass Wellmer mittlerweile zur Hauptmoderatorin der »Tagesthemen« befördert wurde.

Gelingt es, bei all diesen öffentlich-rechtlichen Archetypen von Schnarchetypen die Augen offenzuhalten, darf man sich jeden Abend um 20.15 Uhr im »RTL-EM-Studio« über »alle Spiele, Tore, Emotionen« informieren lassen. Und zwar von Elton – das E steht für Emotionen.

Beruhigend, dass auch dieser Charismakönig wieder in Lohn und Brot gelangt ist, jammerte er doch jüngst über seinen Rauswurf bei Pro 7. Um den Multimillionär, der sich ansonsten durchschlägt, indem er im ZDF eine Kindersendung moderiert und nach Feierabend in der ARD quizzt, beides vermutlich auf 450-Euro-Basis, muss man sich also keine Sorgen mehr machen. Außerdem verhieß eine RTL-Programmankündigung: »Unter den Experten wird Lothar Matthäus sein.« Ein Satz, der ohne Fußball undenkbar wäre.

Wer das alles zu Hause nicht aushält und sich ins Stadion wagt, erlebt zur Belohnung einen seltenen Moment der Kommerzfreiheit: Die Uefa hat kurzerhand alle Stadien, die Sponsoren im Namen tragen, »neutralisiert« (Sportjournalismus). Sprich: nicht weggebombt, sondern umbenannt. Denn es gibt nichts, was die Verantwortlichen der Uefa Euro 2024 (sponsored by Coca-Cola, Alipay, Lidl et al.) so sehr hassen wie Sponsoren (die nicht die Uefa sponsern). 

Die Allianz-Arena in München firmiert folglich während der EM dahoam als »Munich Football Arena«, die Red-Bull-Arena als »Leipzig Stadium«. Überdies heißt etwa der »Deutsche Bank Park« in Frankfurt nicht wie früher »Waldstadion«, sondern temporär »Frankfurt Arena«. Auch hier wird die Schuld der Uefa zugeschoben, wobei man hört, die Vereine selbst hätten Angst gehabt, ihre Fans könnten die traditionellen Namen in der Post-EM-Zeit beibehalten wollen und gegen die Rückbenennung protestieren.

In Gelsenkirchen allerdings, wo ein Kran den sechzehn Meter breiten Schriftzug »Veltins Arena« bereits vom Stadiondach geholt hat, kickt man dann im EM-Monat aber doch wie früher in der »Arena auf Schalke« beziehungsweise leerzeichensparend »Arena AufSchalke«. Vermutlich, weil die Schalke-Fans, nachdem ihr Club nicht mal mehr in der zweiten Liga mithalten konnte, sowieso schon auf dem fußballromantischen Tiefpunkt angekommen sein dürften und die Stimmung sich gar nicht mehr verschlechtern lässt.

Diese Übergangsnamen für die zehn EM-Spielstätten sind das Resultat eines »zwölf-monatigen Findungsprozesses«. Mehr als ein Monat Denkarbeit pro Stadion – das mutet angesichts ausgefallener Ergebnisse wie »Cologne Stadium« und »Stuttgart Arena« zunächst übertrieben an, aber wir haben es hier schließlich mit den gemächlicheren Hirnkästen von Fußsportlern zu tun. 

Doch keine Sorge: Die Stadionbetreiber bekommen die einmonatige Kommerzabstinenz bezahlt. Die Uefa hat ihnen zugesichert, sämtliche Kosten zu erstatten. Dürfte ihr trotz pathologischer Geldgeilheit auch nicht allzu schwerfallen: Bereits 2018 hat der Verband den damaligen Bundesfinanzminister, von dem niemand genau weiß, was er heute beruflich so treibt, überreden können, auf die Besteuerung des Turniers zu verzichten. Komplett. Approximativ 250 Millionen Euro Steuergeld gehen auf diese Weise flöten. Wann immer sich Gemeinschaftsgelder an Einzelakteure umverteilen lassen, ist Cum-Ex-Ausputzer Scholz eben zur Stelle.

Anders geht’s halt nicht. Denn auch die Uefa bestreitet ihre Turniere stets mit maximaler Stärke. Steuerfreiheit ist dabei nur eine ihrer Forderungen, die auf 223 Reglementseiten ganz unterschiedlich daherkommen: So müssen beispielsweise in jeder Umkleide mindestens zwei Haartrockner hängen, aber auch Demonstrationen in Stadionnähe verboten werden. Es heißt schließlich »König Fußball« und nicht »Bürgerrat Fußball«. Die Stadt Frankfurt rang in einem langen »aufopferungsvollen Kampf« (»FAZ«) darum, auf der von ihr selbst ausgerichteten (und selbstredend auch selbstfinanzierten) Fanmeile Apfelwein ausschenken zu dürfen.

Deutschlands größter Konkurrent im Vergabeverfahren war übrigens die Türkei. Einen Recep Tayyip Erdoğan in punkto Prinzipienlosigkeit zu überbieten, ist wirklich nicht so einfach. Aber wir haben es geschafft. Sommermärchen is coming home.

Wenn auch ohne Panini-Album. Seit 1980 verhökert der italienische Verlag zu jeder EM seine Sammelbildchen. Bis jetzt. Für 2024 hat das US-Unternehmen Topps die Lizenz erworben. Wie schon beim deutschen Nationaltrikot, das ab 2027 der US-Hersteller Nike nähen lässt, übernehmen auch bei den Stickerheftchen die Amerikaner in Europa. Wobei die es vielleicht im Gegensatz zur guten alten deutschen Marke Adidas immerhin schaffen, die Rückennummer 44 nicht wie SS-Runen aussehen zu lassen.

Blöd für Topps: Für sämtliche relevanten Lizenzen reicht selbst die maximale Finanzstärke eines US-Konzerns nicht aus. Bei Stars wie Kylian Mbappé und Toni Kroos fehlen die Bildrechte. Ebenso bei allen deutschen Torhütern. Deshalb lässt man die Sammler Oliver Kahn (Karriereende 2008) ins Album pappen. Echt wahr! Für einen Satiriker ist diese schreiend lieblose Kommerzialisierung des Fußballs schon herrlich, das könnte man sich niemals ausdenken.

Zum abgefuckten Fußballgeschäft hätte es daher gut gepasst, wenn pünktlich zu Turnierbeginn auch noch der Bundestrainer verkündet hätte, nach der EM als Notnagelsmann zum FC Bayern zurückzukehren. Die Münchner wollten den 36jährigen, der erst vor einem Jahr auf übelste Art vom Hof gejagt worden war und seine Entlassung aus der Presse erfahren hatte, nun doch gern wiederhaben. Weil Meistermacher Xabi Alonso keinen Bock auf diesen Chaosclub hat. Uli Hoeneß dazu wörtlich: »Er hat abgesagt, weil er Charakter hat.« Erstaunliche Einsichten beim FC Bayern. 

Nagelsmann verlängerte statt dessen bis 2026 beim DFB. Das Interesse der Bayern dürfte ihm aber bei den Gehaltsverhandlungen geholfen haben, hatte er doch bislang nur gut 400.000 Euro im Monat verdient. »Vier oder sechs Millionen Jahresgehalt für den Job des Bundestrainers – das ist zu viel! Diese Aufgabe sollte als Ehre empfunden werden!« urteilte in der »Bildzeitung« übrigens Philipp Lahm, der seinen Job als »Chef des Organisationskomitees« beziehungsweise Turnierleiter der Euro 2024 hoffentlich auch als Ehre empfindet. Möge er uns von unserem vielen Geld nun wenigstens eine schöne EM bereiten! 

Cornelius W. M. Oettle schrieb in konkret 2/24 über ein neues Buch des alten Abschreibers K. T. zu Guttenberg