Codename »Sonja«

Wie Ursula Kuczynski als Spionin gegen die Nazis kämpfte und ein Kapitel Weltgeschichte schrieb, ist nun unzensiert in einer Neuausgabe von Sonjas Rapport nachzulesen. Von Sabine Lueken

Ursula Maria Kuczynski, Oberst der Roten Armee und Trägerin zweier Rotbannerorden, schrieb unter dem Pseudonym Ruth Werner Kinderbücher und wurde 1977 berühmt mit dem Buch Sonjas Rapport, in dem sie – abgesegnet von Moskau, Honecker und Markus Wolf – über ihre Agentenkarriere berichtete. Das wichtigste Detail durfte sie damals allerdings nicht veröffentlichen. 1991 erschien eine etwas umfangreichere Ausgabe in Großbritannien, 2006 dann im ehemaligen DDR-Verlag Neues Leben. Nun – »aufgrund großer Nachfrage« – erfolgt die Neuauflage. Ergänzt werden Kuczynskis Erinnerungen durch den Abdruck eines Gesprächs, das der Journalist Rudolf Hempel 2006 mit ihren Kindern führte.

Ursula Kuczynski wurde 1907 in eine großbürgerlich-jüdische Berliner Intellektuellenfamilie geboren. Ihr Vater war der bedeutende Ökonom und Bevölkerungswissenschaftler Robert René Kuczynski. Die Familie lebte standesgemäß in einer Villa am Schlachtensee und sympathisierte mit den Kommunisten. Der Vater leitete den Ausschuss, der in den 1920er Jahren das Volksbegehren zur Fürstenenteignung organisierte. Zitate aus Briefen an die Eltern werfen Schlaglichter auf das Aufwachsen der sechs Geschwister in diesem Milieu. Politisches Engagement gehörte dazu. Schon als junges Mädchen dachte Ursula über »die Ungerechtigkeit dieser Welt« nach, »und wie man sie beseitigen könnte«. Sie wurde Mitglied im Kommunistischen Jugendverband und trat 1927 in die KPD ein. Nach einem USA-Aufenthalt heiratete sie ihren Freund Rudolf Hamburger und zog 1930 mit ihm nach Shanghai, wo er als Architekt arbeitete. Sein tragisches Schicksal – er spionierte ebenfalls für die Sowjetunion und verschwand von 1943 bis 1952 als angeblicher Doppelagent im Gulag – beschreibt Hamburger selbst in dem Buch Zehn Jahre Lager.

In Shanghai begann Kuczynskis abenteuerliches und gefährliches Leben als »Kundschafterin« für die Sowjetunion, das sie in den nächsten zwanzig Jahren mit Disziplin, Begeisterungsfähigkeit und Pragmatismus führte und von dem sie völlig unprätentiös und sachlich erzählt, obwohl – oder weil – das notwendige konspirative Verhalten »tief in ihr persönliches Leben eingriff«. Uneingeschränkte Ehrlichkeit gegenüber ihrem Ehemann war jetzt nicht mehr möglich.

In China war sie entsetzt über »das Ausmaß der Ausbeutung und der Armut«. Sie lernte die legendäre Agnes Smedley kennen, über diese den ebenso legendären Richard Sorge, der sie für den sowjetischen Militärgeheimdienst GRU anwarb und ihr den Codenamen »Sonja« gab. Ihr bislang gehasstes Hausfrauendasein bot nun eine gute Tarnung. Sie unterstützte geflohene chinesische Kommunisten, die auf den Sturz Chiang Kaisheks hinarbeiteten, Mao Zedongs Gegenspieler während des chinesischen Bürgerkriegs 1927 bis 1949, und sie lagerte Waffen. Im Frühjahr 1933 wollte Kuczynski die Familie in Berlin besuchen, aber es war zu spät: »Wie (hatte) die deutsche Arbeiterklasse den Faschismus ... zulassen können?« Auf Empfehlung Sorges ging sie nach Moskau, um sich zur Funkerin und im Gebrauch von Sprengstoff ausbilden zu lassen.

Nach der Ausbildung erledigte sie mit ihrem neuen Führungsoffizier »Ernst« (Johann Patra) Aufträge in der Mandschurei und in Polen. Mit Patra hatte sie ein zweites Kind, die Tochter Nina. 1938 schickte man Kuczynski in die Schweiz. Dort funkte sie bis zum Sommer 1939 für Sándor Radó, Leiter der GRU in der Schweiz und Kopf der Gruppe »Rote Drei«, des Schweizer Zweigs der Widerstandsgruppe Rote Kapelle. Sie warb zwei Agenten an, Alexander Foote und Len Beurton. Gemeinsam entwickelten sie den Plan, Hitler in München in die Luft zu jagen. Dazu kam es nicht mehr. Der Nichtangriffspakt mit der Sowjetunion im August 1939 beendete alle Aktivitäten gegen Deutschland. Das kostete sie »viel Nachdenken«. Aber: »Man mußte die Emotionen ausschalten und nur den Verstand benutzen, um richtig zu reagieren.« Die Lage in der Schweiz wurde schwierig. Im Februar 1941 heiratete Ursula ihren Agenten Beurton. Auf diese Weise konnte sie mit britischem Pass den Spionjägern der Nazis nach Großbritannien entkommen. Der welthistorisch bedeutendste Teil ihrer Tätigkeit, im Bericht 1977 gestrichen, wird auch in der vollständigen Ausgabe recht knapp abgehandelt: »Ich möchte nicht, dass dies später einmal hochgespielt wird.« Ihr Bruder Jürgen Kuczynski, einer der prominentesten deutschen Kommunisten in Großbritannien, machte sie mit dem Physiker Klaus Fuchs bekannt, dessen Informationen aus dem britischen Atomforschungsprojekt sie an die Sowjetunion weiterleitete. Für den überzeugten Kommunisten Fuchs war es selbstverständlich, der alliierten Sowjetunion das Geheimnis der Atombombe zu übermitteln. Als Fuchs 1950 aufflog, floh Kuczynski in die DDR und stieg aus der Geheimdienstarbeit aus. »Entweder war es eine völlige Idiotie der M.I.5, daß sie im Zusammenhang mit Klaus nicht auf mich verfallen waren, oder sie ließen mich laufen, weil jede weitere Entdeckung die Blamage ... noch vergrößert hätte«, vermutete sie. Der britische Geheimdienst konnte sich offenbar eine Hausfrau und Mutter von mittlerweile drei Kindern nicht als Leiterin des wichtigsten Spionagenetzwerks in Großbritannien vorstellen.

Am Ende des Berichts wird ihr uneigentliches Sprechen über den eigenen »bitteren Anteil« an Opportunismus und Dogmatismus in der DDR im Gespräch mit den Kindern wohltuend konkretisiert. Ihr Sohn Michael Hamburger berichtet auch über die lange Vorgeschichte von Sonjas Rapport. Seit Mitte der sechziger Jahre wollte Markus Wolf ihre »Erfahrungen für seine Offiziere nutzbar machen«. Deswegen schrieb sie »nur für den internen Gebrauch«, ohne ästhetische Ambitionen, während sie ihre Erlebnisse in mehreren belletristischen Werken auch literarisch verarbeitete. Als Kuczynski von Stalins Verbrechen erfuhr, war sie schockiert. Doch sie habe »nicht zwanzig Jahre in Gedanken an Stalin gearbeitet«, sondern für die Sowjetunion im Krieg gegen Hitlerdeutschland. Auch nach dem Ende der DDR glaubte sie an einen besseren Sozialismus: »So tief wie immer verachte und hasse ich die Arroganz der Reichen, die Macht des Geldes.«

Ruth Werner: Sonjas Rapport. Verlag Neues Leben, Berlin 2024 (erweiterte Neuausgabe), 376 Seiten, 24 Euro

Sabine Lueken schrieb in konkret 5/24 über das Untergrundarchiv des Warschauer Ghettos