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»Wortführer der Intoleranz bekommen Oberwasser«

Interview mit dem Autor und langjährigen Redakteur der »Krüppelzeitung«, Udo Sierck, über Bevormundung und Gewalt in der Behindertenhilfe und deutsche Exklusionsgelüste

literatur konkret: In den letzten Jahren sind vermehrt Fälle von teilweise sehr brutalen Misshandlungen an Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Beeinträchtigungen in verschiedenen Einrichtungen der Behindertenhilfe bekanntgeworden. In Ihrem neuen Buch Macht und Gewalt zeigen Sie, dass das keineswegs Einzelfälle sind, sondern aus der inneren Logik der Einrichtungen selbst zu erklären ist. Können Sie das erläutern?

Udo Sierck: Der UN-Ausschuss, der die Umsetzung der international verpflichtenden Behindertenrechtskonvention prüft, hat Deutschland 2016 wegen mangelnder Maßnahmen zum Schutz behinderter Menschen vor Gewalt gerügt. Die Kritik zielt auf mehr als das Netz der Institutionen, Behörden, Ämter. Im Fokus sind auch Alltagssituationen der Unterstützung. Gewalt gegen behinderte Menschen äußert sich in gesellschaftlichen Verhältnissen, in institutionellen Vorgaben und Zwängen sowie in individuellen Motiven und Handlungen. Beteiligt sind Fachleute aus Medizin, Pädagogik, Psychologie oder sozialer Arbeit. Zum Thema Macht und Gewalt gehören Sprache, Blicke, Normvorstellungen, Denkmuster und Haltungen. Diese Zusammenhänge beinhalten insbesondere für Menschen mit Einschränkungen, die in Institutionen zu fremdbestimmten Objekten erniedrigt werden, die Gefahr von Übergriffen. Die gegenwärtig beliebte Floskel »Wir agieren auf Augenhöhe« entlarvt sich bei genauer Betrachtung als Verschleierung herkömmlicher Machtverhältnisse.

Sie sagen, dass die heutige Struktur der Behindertenhilfe mit wirklicher Inklusion nicht vereinbar ist. Menschen mit Beeinträchtigungen, die sich in Werkstätten in entsprechenden Räten selbst vertreten, reagierten dagegen 2018 empört auf eine Kritik der Vereinten Nationen an den segregierten Räumen für behinderte Personen. Liegen hier unterschiedliche Inklusionsdefinitionen vor, oder ist das ein tiefergehender Dissens?

Viele der Frauen und Männer, die in den Werkstätten arbeiten, werden morgens mit einem Sonderfahrdienst aus der Sonderwohneinrichtung zum Sonderarbeitsplatz gefahren, wo sie diverses Sonderpersonal besonders behandelt. Nachmittags fährt der Sonderfahrdienst sie wieder zurück in die Sonderwohneinrichtung, wo sie das Sonderpersonal empfängt. Die Träger dieser Einrichtungen verkaufen dieses geschlossene System der Aussonderung als inklusiven Akt der Fürsorge. Viele der zur Dankbarkeit erzogenen, als behindert geltenden Personen beugen sich diesen Machtverhältnissen aus Furcht davor, sonst ins soziale Nichts zu fallen. Hinzu kommt, dass sie sich nichts anderes als ihre Sonderlaufbahn vorstellen können, weil ihnen niemand eine gegenteilige Perspektive eröffnet hat. Gleichzeitig müssen manche pflegeabhängigen Personen den aufwendigen Weg der Klage gegen Sozialämter beschreiten, um der Heimeinweisung gegen ihren Willen zu begegnen. Mit Autonomie und Teilhabe hat das nichts zu tun.

Nimmt eine ablehnende Haltung gegenüber Menschen mit Beeinträchtigungen eher zu oder ab?

Wer in Beruf oder Sport gesellschaftlich anerkannte Werte erfüllt, kann mit Varianten der Inklusion rechnen. Andererseits besteht in der Gesellschaft unausgesprochen ein Zwang zur Nichtbehinderung, der die ausgemachten Merkmalsträger auf die »andere Seite« befördert. So hat die Diskriminierung von Menschen mit Schizophrenie in den letzten Jahren zugenommen. Das Ergebnis: weniger ehrliches Mitleid, weniger Hilfsbereitschaft, dafür der Wunsch nach sozialer Distanz. Nach einer aktuellen wissenschaftlichen Studie zu sozialdarwinistischen Einstellungen und Denkmustern lehnten nur 45 Prozent der repräsentativ Befragten die Vorgabe »Wie in der Natur sollte sich in der Gesellschaft immer der Stärkere durchsetzen« völlig ab, nur 61 Prozent fanden die Aussage »Es gibt wertvolles und unwertes Leben« grundlegend falsch.

Welche Gründe sehen Sie für diese Entwicklung?

Offensichtlich nehmen die Ausschlussideen schleichend zu, wenn die Bevölkerung mit eigenen Existenzängsten beschäftigt ist. Große Aufklärungskampagnen bewirken offenbar wenig, solange das direkte Gegenüber fehlt. Wortführer der Intoleranz bekommen Oberwasser, sie sagen jetzt, was sie denken. So monierte der saarländische AfD-Fraktionsvorsitzende Josef Dörr, dass man in Krankenhäusern Patienten mit ansteckenden und mit nichtansteckenden Krankheiten in unterschiedliche Abteilungen stecke, aber »in deutschen Schulen säßen Kinder mit Down-Syndrom«.

Was müsste passieren, um sowohl die eigentlich offensichtliche, aber in den Einrichtungen versteckte als auch die subtile Gewalt, die Menschen mit Beeinträchtigungen erfahren, zu beenden?

In den Bereichen Arbeit, Wohnen oder Freizeit weisen die deutschen Verhältnisse auf Exklusion. Dies zu benennen, statt in Sonntagsreden auf Harmonie und Selbstgefälligkeit zu setzen, wäre ein Anfang. Die Behindertenpolitik braucht, pragmatisch formuliert, grundsätzlich eine Neuausrichtung: weg von stationären Institutionen und behütender Fürsorge. Notwendig ist eine kritische Bestandsaufnahme und Analyse, warum es in Einrichtungen in Vergangenheit und Gegenwart immer wieder zu Übergriffen kommt, verbunden mit der unbürokratischen Entschädigung derjenigen, die sie erleiden mussten – unabhängig von Verjährungsfristen und vom Zeitpunkt der Gewalterfahrung. Allgemein gesagt: Solange »die Behinderten« als die Anderen« identifiziert werden, sind individuelle und gesellschaftliche Macht- und Gewaltpotentiale nicht aufgelöst.

Interview: Kirsten Achtelik

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