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Sozialpsychologische Experimente, die das deutsche Geschichtsbild bis heute prägen, stehen derzeit massiv in der Kritik.

Von Tom David Uhlig

Die sogenannte replication crisis hat insbesondere die akademische Psychologie schwer getroffen. Seit spätestens 2015 zeigte eine Reihe großangelegter Untersuchungen, dass sich die Mehrzahl der Ergebnisse psychologischer Studien bei gleichbleibender Versuchsanordnung nicht wiederholen lassen (siehe S. 41). Damit gerät eines der zentralen Kriterien, nach denen Psychologen die Güte bewerten, also die Wissenschaftlichkeit ihrer Befunde, ins Wanken. So prüften der Psychologe Brian Nosek und Kolleginnen für »Science« die Reproduzierbarkeit von hundert Studien, die 2008 in Topjournalen erschienen sind: Lediglich in 36 Prozent der Fälle konnte ein ähnliches Ergebnis wie in der jeweiligen Originalstudie erzielt werden – ein ernüchternder Befund, bedenkt man, dass es sich hier um einige der vermeintlich hochwertigsten Studien aus diesem Jahrgang handelt.

Die Gründe für die Nichtreproduzierbarkeit sind vielfältig: Zum einen weiß man schon lange darum, dass meist lediglich signifikante Resultate publiziert werden, Studien also auf der Strecke bleiben, die nicht das erwartete Ergebnis bringen. Auch lassen sich mit einfachen statistischen Tricks eigentlich wenig aussagekräftige Zahlen aufpolieren, so dass sie einen Effekt suggerieren, wo gar keiner ist. Zudem gab es bislang kaum Studien, die sich die Mühe gemacht haben, andere Arbeiten zu wiederholen, um zu überprüfen, ob deren Ergebnisse belastbar sind. Was bleibt, ist eine gigantische Anhäufung von Publikationen, von denen kaum jemand weiß, ob sie verlässlich sind.

In der Psychologie hat die Krise der Replizierbarkeit zwar einen gewissen Schock ausgelöst, zu einer ernsthaften Auseinandersetzung mit dem eigenen methodischen Vokabular oder gar einem Paradigmenwechsel ist es aber nicht gekommen. Die statistischen Methoden stehen so sehr im Mittelpunkt des wissenschaftlichen Selbstverständnisses, dass ihre kritische Diskussion das Fach in seiner jetzigen Beschaffenheit grundlegend in Frage stellen würde.

Die Einsicht, dass die positivistische Psychologie längst nicht die exakte Wissenschaft ist, für die sie einige Psycholog*innen halten, mag nicht überraschen. Die Irrationalität und Komplexität des menschlichen Geistes lassen sich nun mal nicht in der gleichen Weise präzise vermessen wie die Schubkraft, die es braucht, um ein Auto auf den Mars zu katapultieren. Allerdings beruhen einige weitreichende Annahmen auf ebenjenen Ergebnissen, die nun in Frage gestellt werden, darunter ein bestimmtes Geschichtsbild, das in der Diskussion deutscher Täterschaft in der Shoah prägend war und in abgemilderter Form heute noch ist.

In der Geschichtswissenschaft stellt man gemeinhin die Funktionalisten den Intentionalisten gegenüber. Verkürzt gesagt geht es ersteren darum, mit Hilfe gruppendynamischer Aspekte des Handelns, hier also des Massenmordes an den Jüdinnen und Juden Europas, zu erklären, wie aus »ganz normalen Männern« kaltblütige Mörder werden können. Insbesondere Christopher Browning hat sich Anfang der neunziger Jahre in diesem Zusammenhang mit seiner Studie zum Polizeibataillon 101 hervorgetan. Ihm zufolge bestand die paramilitärische Einheit, die Zehntausende Jüdinnen und Juden ermordete, nicht aus ideologisch gefestigten Nationalsozialisten, sondern die Täter sollen in einem Prozess aus Autoritätshörigkeit, Korpsgeist und grausiger Professionalisierung erst zu mitleidlosen Henkern geworden sein. Häufig rezipierte man die Studie des US-Historikers im Kontext von Hannah Arendts These der Banalität des Bösen, wobei die Diskussion nicht selten dahingehend

verkürzt wurde, jeder – also nicht nur antisemitische Deutsche – wäre anstelle der Mörder genauso dem Druck der Gruppe erlegen und hätte entsprechend gehandelt.

Brownings Ansatz galt als nüchterner als der seines direkten theoretischen Kontrahenten Daniel Goldhagen, der eher dem Lager der Intentionalisten zuzurechnen ist. Der US-Politikwissenschaftler erregte bundesweite Empörung mit seiner These, dass die Männer des Polizeibataillons keineswegs lediglich aus gruppendynamischen Gründen handelten, sondern durchaus antisemitisch eingestellt waren. Mit dem Vorschlag, den Tätern und Täterinnen nicht im voraus zu unterstellen, gegen den eigenen Willen gehandelt zu haben, und der These, dass sie von ihren Handlungen überzeugt waren, stieß Goldhagen in der deutschen Medienöffentlichkeit, aber auch bei etablierten Historikern auf heftigen Widerstand.

Die Verteidiger des funktionalistischen Ansatzes konnten sich dabei mal implizit, mal explizit auf Forschungsergebnisse klassischer Experimente der Sozialpsychologie stützen, deren Wissenschaftlichkeit jüngst im Zuge der replication crisis bezweifelt wird. So galt lange Zeit Philip Zimbardos Stanford-Prison-Experiment als eindrücklicher Beleg für die Verselbständigung von Rollenbildern – bis hin zur gewalttätigen Unterdrückung einer Gruppe durch eine andere. Der Psychologieprofessor hat dafür Probanden in zwei Gruppen eingeteilt, um eine Gefängnissimulation durchzuspielen. Die Wärter sollen dabei immer sadistischer und die Gefangenen immer hilfloser geworden sein. Nun soll der Berkeley-Absolvent und Journalist Ben Blum herausgefunden haben, dass die Probanden dabei nicht nur Rollen einnahmen, sondern stellenweise auch einem Drehbuch der Versuchsleiter gefolgt sind. Blum zitiert Studienteilnehmer, die angaben, Zimbardo und seine Mitarbeiter hätten sie motiviert, eskalierendes Verhalten zu spielen und etwa einen Nervenzusammenbruch oder eine Gewalteruption zu simulieren. Die Psychologiekoryphäe behauptet hingegen in der Studie, das Verhalten der Probanden sei spontan gewesen und keinem Skript gefolgt.

Bereits 2012 kritisierte die Wissenschaftsjournalistin Gina Perry eine andere im Kontext der Funktionalisten stark rezipierte Arbeit klassischer Sozialpsychologie, das Milgram-Experiment. Anfang der Sechziger trugen Stanley Milgram und sein Team Probanden auf, einer anderen Testperson, die in Wahrheit ein Schauspieler war, Stromstöße zu verabreichen, wenn sie eine Aufgabe nicht bewältigen konnte. Die überwältigende Mehrheit der Proband*innen kam dieser Aufforderung nach, bis zur vermeintlich letalen Dosis, woraus Milgram ableitete, bei genügend autoritärem Druck würden die meisten zu Mördern. Perry hat in ihrem Buch Behind the Shock Machine die Originalaufnahmen des Experiments eingehend studiert und bemängelt an dem Experiment, dass die Forscher viele der Proband*innen im nachhinein nicht über das Setting aufklärten, manche aber – was gravierender für die Wissenschaftlichkeit der Versuchsanordnung ist – bereits vor Beginn des Versuches. Zudem hätten Milgrams Mitarbeiter*innen sich oft nicht an die Versuchsanordnung gehalten und zahlreiche in der Studie nicht angegebene Strategien entwickelt, die Proband*innen zu überreden, Elektroschocks zu verabreichen. Auch findet Perry es nicht legitim, die Erkenntnisse aus den sterilen Versuchsräumen der Yale-Universität auf den Vietnam-Krieg oder die Shoah zu übertragen.

Im April dieses Jahres legte Perry mit dem Buch The Lost Boys nach, in dem sie das klassische Robbers-Cave-Experiment von Muzafer Sherif analysiert: In einem Ferienlager eskalierte vermeintlich spontan ein Konflikt zwischen zwei willkürlich eingeteilten Gruppen. Tatsächlich handele es sich aber, so Perry, um den zweiten Versuch, den der Sozialpsychologe durchführte. Im ersten – unveröffentlichten – hätten sich die Kinder trotz Gruppeneinteilung zu gut vertragen, so

dass die Ergebnisse nutzlos blieben. Die Journalistin sprach mit einigen der nunmehr um die 70jährigen Teilnehmer und kommt zu dem Schluss, dass der Psychologieprofessor den Konflikt aktiv anstachelte, was seiner Darstellung widerspricht.

Was ist aus den hier reklamierten methodischen Mängeln der sozialpsychologischen Klassiker zu lernen? Zunächst einmal, dass man es sich wohl zu einfach gemacht hat, gewaltsame Konflikte hauptsächlich mit Hilfe der hier gewonnenen Ergebnisse zu erklären. Insbesondere in Deutschland war es recht bequem, die Befunde zu überstrapazieren, Autoritätsgläubigkeit, Gehorsamsbereitschaft und Konformität zur kulturübergreifenden conditio humana zu erklären und sich so nicht mehr mit der deutschen Vernichtungsideologie des Antisemitismus auseinandersetzen zu müssen. Heute, wo in den Geschichtswissenschaften eine Mischung aus funktionalistischer und intentionalistischer Betrachtung vorherrscht, bedeutet das, dass man über Gruppendynamiken ganz anders nachdenken muss und sich nicht auf Experimente beschränken kann.

Gina Perry: The Lost Boys. Inside Muzafer Sherif’s Robbers Cave Experiment. E-Book. Scribe, Melbourne 2018

Dies.: Behind the Shock Machine. The Untold Story of the Notorious Milgram Psychology Experiments. Scribe, Melbourne 2012, 421 Seiten

Tom David Uhlig ist Mitarbeiter des Modellprojekts »Das Gegenteil von gut. Antisemitismus in der deutschen Linken« der Bildungsstätte Anne Frank und Mitherausgeber der »Freien Assoziation. Zeitschrift für psychoanalytische Sozialpsychologie«

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