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Krieg den Sternen

Das Feuilleton probt den orthografischen Aufstand.

Von Anatol Stefanowitsch

 

Nach dem bildungsbürgerlichen Aufschrei, der in den neunziger Jahren den Versuch begleitete, der Orthografie des Deutschen wenigstens einen Hauch von Durchschaubarkeit zu verleihen, ist es still geworden um die Zwischenstaatliche Kommission für deutsche Rechtschreibung und ihren Nachfolger, den Rat für Deutsche Rechtschreibung. Der erledigt seine wenig glamouröse Aufgabe – die Anpassung des amtlichen Regelwerks an Entwicklungen im Gebrauch der Schriftsprache – seither weitgehend unbemerkt.

Dass sich das in den letzten Wochen geändert hat, liegt am Sujet: Der Rat ist erstmals damit betraut, über verschiedene geschlechtergerechte (»gegenderte «) Schreibweisen zu beraten, die sich in den letzten Jahrzehnten außerhalb der amtlichen Rechtschreibung etabliert haben — das klassisch feministische Binnen-I (LeserInnen), den queeren Gendergap (Leser_innen) und seine hippe Variante, das Gendersternchen (Leser*innen), das derzeit den Marsch durch die Institutionen zu gewinnen scheint.

Es gibt einen banalen Grund, über diese Formen zu beraten: Sie sind ausreichend verbreitet, um als die Art von Entwicklung im Schreibgebrauch zu gelten, die der Rat beobachten soll. Vor allem werden sie inzwischen auch von Behörden verwendet, und da die an die amtliche Rechtschreibung gebunden sind, muss entschieden werden, ob das zulässig ist.

Als Aufhänger für einen erneuten orthografischen Aufstand taugt das eigentlich nicht, aber nichts ruft das deutsche Feuilleton so zuverlässig auf den Plan wie das Wort Gender. Obwohl klar war, dass der Rat zunächst nur beschließen würde, sich mit dem Thema zu befassen, überschlug sich die konservative Intelligentsia darin, altbekannte Empörungsszenarien zu entwerfen.

Zum Beispiel das einer dystopischen Zukunft, in der das »Gendern« Zwang wird. In der »FAZ« wehrt sich Edo Reents vorsorglich nicht nur gegen das Gendersternchen, sondern schon gegen Doppelformen wie Ärztinnen und Ärzte – mitgenannt zu werden sei kein Menschenrecht. In der »Zeit« kündigt Eva Menasse an, das Schreiben lieber gleich ganz seinzulassen, wenn ihre Romanfiguren nicht mehr sexistisch reden dürften. Aber der Rechtschreibrat legt nicht fest, was wir oder die Protagonist/innen unserer Romane sagen dürfen, sondern wie es zu buchstabieren und interpunktieren ist. Wenn Reents in einer Welt ohne Ärztinnen leben will, muss er sie nie erwähnen, und Menasses Charaktere können nach Herzenslust in Frauenfeindlichkeit schwelgen. Tatsächlich müssen sich Reents und Menasse, da sie keine Behörden sind, nicht einmal an das Wie des Rechtschreibrates halten, sondern das allenfalls mit ihren Verlagen aushandeln. Wer diesen Zwang ausübt, dazu gibt es verschiedene Szenarien. Mal ist es (passend zum Populismus unserer Tage) die Elite, wenn etwa der Schriftsteller Feridun Zaimoglu in der »Zeit« die geschlechtergerechte Orthografie für ein Projekt »höherer Töchter « und »spröder Oberschichtler« hält. Mal sind es, wie bei Bernhard Lassahn auf der »Achse des Guten«, »einige namenlose Menschen «, natürlich »aus Berlin«, die uns »selbstherrlich« ihre Betroffenheit aufzwingen wollen. Mal sind es »Pro-Gender-Forscher« (Matthias Heine in der »Welt«), gerne gleich »200 Gender-Professuren«, die »die sexistische Welt korrigieren« wollen (Ulrich Greiner in der »Zeit«).

Dass all die, die sich so zu Wort melden, viel eher Elite sind als die feministischen Aktivistinnen, die Binnen-I, Gendergap und -sternchen ersonnen und in Umlauf gebracht haben, ist ihnen dabei genausowenig bewusst, wie sie begründen könnten, worin die Selbstherrlichkeit geschlechtergerechter Sprache besteht. Und dass sich kaum ein/e Wissenschaftler/in für amtliche Rechtschreibung interessiert – geschweige denn stark macht –, fällt ihnen wohl deshalb nicht auf, weil sie gar nicht erst lesen, was die Forschung zum Thema sagt (bei der Recherche würden sie auch merken, dass die 200 Gender-Professuren ein maskulistischer Mythos sind).

Um sich nicht mit der Frage befassen zu müssen, ob hinter der geschlechtergerechten Rechtschreibung nicht einfach nur der Wunsch nach geschlechtergerechter Ansprache stecken könnte, verweisen die Kritiker/innen gerne im Vorbeigehen auf den Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg. Der erklärt im Feuilleton seit Jahren das Maskulinum für geschlechtsneutral und damit jede Form geschlechtergerechter Sprache für überflüssig.

Ärztin ist in seiner eigenwilligen Sicht ein durch die Nachsilbe -in weiblich markiertes Wort, das aus dem geschlechtlich unmarkierten Normalfall Arzt abgeleitet sei. Die psycholinguistische Evidenz dafür, dass Maskulina wie Arzt nun einmal männlich interpretiert werden, ignoriert er dabei beharrlich. Aber schon aus sprachstruktureller Sicht ist seine Analyse fragwürdig: Bedeutung entsteht immer durch formale Gegensätze, die Bedeutung »weiblich« kann also nur in Opposition zu »männlich« existieren.

Was Eisenberg sich nicht vorstellen will, ist, dass ein Wort gleichzeitig unmarkiert und männlich sein könnte – weil wir in einer androzentrischen Kultur leben, die uns nahelegt, das Männliche als Normalfall zu betrachten. Wenn er in der »FAZ« schreibt, dass die Verwendung des Gendersternchens eine »Geste der Unterwerfung unter eine ideologisch begründete Konzeption von Geschlecht« sei, dann ließe sich diese etwas überhitzte Formulierung durchaus als Symptom einer Angst interpretieren, dass das Verfallsdatum dieses unausgesprochenen Normalfalls erreicht ist und in Zukunft Geschlechterverhältnisse auch auf der sprachlichen Ebene von Grund auf neu ausgehandelt werden müssen.

Es ist zu vermuten, dass vielen der ablehnenden Reaktionen auf geschlechtergerechte Rechtschreibung diese Angst zugrunde liegt. Sie hat mit der Aufgabe des Rechtschreibrates aber ebensowenig zu tun, wie es die Hoffnung der Befürworter/innen hätte, mit Hilfe des amtlichen Regelwerks das Patriarchat zu besiegen.

Zur Erinnerung: Es geht nur darum, ob Behörden sich in Zukunft an »Liebe Bürger* innen« wenden dürfen statt an »Liebe Bürgerinnen und Bürger«.

Der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch hat gerade das Buch Eine Frage der Moral. Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen (Duden-Verlag) veröffentlicht 

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