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Die Provinz kriegt den Größten klein: 200 Jahre Marx in Trier. Von Anina Valle Thiele  

Eine Stadt sieht rot: Trier ist Marx, und Marx ist Trier! Die Stadt hat verstanden, wie sie das Andenken ihres geliebt-gehassten Sohnes und einstigen Bürgers maximal ausschlachten und aus der Marke Marx Profit schlagen kann. In der Fußgängerzone der miefigen Kleinstadt an der Mosel locken nicht nur Souvenirshops mit Devotionalien: Die Palette reicht von handgegossenen Schokoladentafeln über Marx- Wein, -Buttons und -Magneten bis zu Miniaturbüsten mit gehäkelten Che-Guevara-Mützen und Ampelmännchen mit dem Konterfei des »großen Revolutionärs«.

Hinter dem Museum Simeonstift an der Porta Nigra klafft noch ein Krater. Für die gut sechs Meter hohe Marx-Statue – eine Schenkung aus China an die Stadt – musste eilends ein symbolträchtiger Ort gefunden und ein Loch gebuddelt werden. Da jährlich 150.000 chinesische Touristen den Weg nach Trier fänden und es in Zukunft noch viel mehr werden könnten, war selbst der Baudezernent Andreas Ludwig (CDU) bei der Abstimmung dafür. Trier wolle im Jubiläumsjahr 2018 mit der ganzen Welt in eine Diskussion treten – auch mit den chinesischen Besuchern, hieß es.

Am 5. Mai ist es soweit: Dann jährt sich der Geburtstag »des bedeutendsten Denkers des 19. Jahrhunderts« zum 200. Mal, und die große Karl-Marx-Jubiläumsausstellung (Schirmherr: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier) wird feierlich eröffnet. In der ersten Reihe dabei: EU-Kommissionspräsident Juncker, die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, Malu Dreyer, Triers Oberbürgermeister Wolfram Leibe (SPD), Kurt Beck, Vorstandsvorsitzender der Friedrich- Ebert-Stiftung, und der Bischof Stephan Ackermann: »Das Museum am Dom des Bistums Trier betrachtet unter dem Titel ›LebensWert Arbeit‹ das Thema Mensch und Arbeit aus der Sicht eines christlichen Menschenbildes. « Was hätte sich Marx über diese Geburtstagsgesellschaft gefreut!

»Nie zuvor gab es eine so umfassende Auseinandersetzung mit dem Leben, Werk und Wirken des bedeutenden Denkers und Philosophen«, heißt es ganz unbescheiden in der Ankündigung. »Mehrere Hundert Kunstwerke aus ganz Europa sowie ausgewählte Objekte und Inszenierungen laden die Besucherinnen und Besucher ein, in das Leben von Karl Marx und in die wechselvolle Zeit des 19. Jahrhunderts einzutauchen.« Die große Schau auf rund 1.000 Quadratmetern im Rheinischen Landesmuseum Trier und dem Stadtmuseum Simeonstift will Einblicke in die wichtigsten Schriften gewähren, zeigen, was an den Ideen des herausragenden Analytikers bis heute aktuell ist, und – natürlich – den »Menschen Marx und seine Familie « präsentieren. Das Bild des bärtigen Alten sei so berühmt wie Das Kapital und Das kommunistische Manifest. »Wer war Karl Marx: ein Revolutionär, Gelehrter, Romantiker, Philosoph oder Journalist?«, fragen die Ausstellungsmacher. In jedem Fall ein großer Deutscher: »2003 landete Karl Marx bei der TV-Ranking-Show ›Die größten Deutschen‹ auf dem dritten Platz, vor ihm nur Adenauer und Luther!«, jubeln die Autoren der Pressemappe.

Getreu dem »Sesamstraße«-Prinzip (Wieso, weshalb, warum?) will man deutlich machen, welche Rolle Trier, neben Paris und London, im Leben von Marx gespielt und wer oder was den jungen Denker geprägt hat. Persönliche Dokumente und Lebensschilderungen zeichnen »ein lebendiges Bild des Menschen hinter der Ikone«. Damit reihe sich die Schau ein in die Tradition der großen Trierer Einzelausstellungen berühmter Herrscher wie »Konstantin, der Große« (2007) und »Nero – Kaiser, Künstler und Tyrann« (2016). Man erfährt, dass Marx nach Stationen in Paris und Brüssel – im Visier der preußischen Polizei – Ende 1845 seine preußische Staatsbürgerschaft aufgab und bis zu seinem Tod Staatenloser blieb: »Über Paris ging er nach London, das zu seinem Aufenthaltsort bis zum Lebensende wurde. Dort entwickelte sich Marx nicht nur zum Universalgelehrten, sondern auch zum aufmerksamen Beobachter des Weltgeschehens«, verrät die Pressemappe und bemüht zugleich das Bild des »Universalgelehrten « als armer Schlucker, der trotz ökonomischem Sachverstand zeit seines Lebens auf Hilfe von Freunden angewiesen war und insbesondere Friedrich Engels am Rockzipfel hing.

Eine große Etappe der Ausstellung ist seinem Leben auf der Flucht gewidmet. Vielleicht ein Weg für die Kuratoren, politisch zu sein, ohne über Klassenkampf und Organisierung sprechen zu müssen? Da Karl Marx 1849 mit Ehefrau Jenny nach London fliehen musste, bettet man seinen Lebensweg in ein epochales Ereignis ein: die Flucht Tausender im 19. Jahrhundert. »Es war mit die unangenehmste Epoche in unserem Flüchtlingsleben «, wird Jenny Marx zitiert. Und da das Thema »Flucht – Exil – Migration« so wichtig sei für Marx’ Leben, thematisieren es beide Trierer Ausstellungsstandorte. Im Abschnitt »Leben. Werk. Zeit« illustrieren zwei Gemälde Honoré Daumiers (1808-1879) das allgemeine Elend der Flüchtenden. Weitere Exponate präsentieren Arbeiterromantik aus der Mottenkiste: Da lockt etwa Adolph Menzels Ölbild eines »Bärtigen Arbeiterkopfes im Profil« (1844), eines Webers aus Schlesien, und gleich daneben: eine Fahne der »Freiwilligen Compagnie« der Reutlinger Freischärler, Mai 1849 (aus dem Reutlinger Heimatmuseum): »Die Forderungen ›Freiheit oder Tod‹ und ›Deutschland über alles‹ spitzen die Forderungen der Revolutionäre drastisch zu. Marx unterstützte die revolutionären Ansprüche nach deutscher Einheit, Mitbestimmung und Demokratie als Redakteur, Journalist und Herausgeber.« Willi Sittes unvermeidliches ikonenhaftes Porträt im Großformat ergänzt den bunten Bilderreigen.

Marx’ Lebensweg liest sich in der Ausstellung wie der eines Überlebenskünstlers aus der Spätromantik und erinnert an Joseph von Eichendorffs Aus dem Leben eines Taugenichts: »Marx war es schon früh gewohnt, seine Zelte abzubrechen und an einem anderen Ort neu anzufangen ... Mit Beginn seines politischen Engagements begann jedoch Marx’ Odyssee …«: ein universalgebildeter Bohemien aus dem kleinen Trier, der weit herumgekommen ist. Viel Raum, um den Mythos aufzublähen, und wenig für Marx’ Inhalte und weiterführende Gedanken.

Die Schau »Karl Marx 1818 – 1883. Leben. Werk. Zeit.« ist im Rheinischen Landesmuseum und im Simeonstift Trier vom 5. Mai bis 21. Oktober zu sehen. Katalog: Theiss-Verlag, 384 Seiten, 39,95 Euro

Anina Valle Thiele schrieb in konkret 12/17 über den Film »120 BPM«


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