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Unangreifbar

Der »Spiegel« will herausgefunden haben, dass der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Pinneberg, Wolfgang Seibert, der 15 Jahre im Amt war, sich eine jüdische Familiengeschichte angedichtet habe und demnach kein Jude sei. Obwohl also von einem Juden gar nicht die Rede sein sollte, reproduzierte das Nachrichtenmagazin antisemitische Bilder.

Von Olaf Kistenmacher

Nach der Halacha ist Jude, wer als Sohn einer jüdischen Mutter zur Welt gekommen oder zum Judentum konvertiert ist. Die Nationalsozialisten kannten noch eine dritte Methode: Wer Jude war, bestimmten sie.

Seit den »Nürnberger Gesetzen«, so der »Spiegel« (43/2018), habe es nichtjüdische Deutsche »nicht zu interessieren «, nach welchen Kriterien jüdische Gemeinden neue Mitglieder aufnehmen. Aber es interessierte zwei Autoren doch. Mitte Oktober brachte das Nachrichtenmagazin nach »monatelanger Recherche « eine große Enthüllungsstory: Wolfgang Seibert, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Pinneberg, sei gar kein Jude, seine Lebensgeschichte eine Lüge. Warum diese großaufgemachte Story?

Wo es um »Juden« geht, denkt der Antisemit an den großen Reibach. Die »Spiegel«-Autoren Martin Doerry und Moritz Gerlach behaupten, als Vorsitzender der Pinneberger Gemeinde »verfügt« Seibert über »viel Geld«. Die Behauptung ist nachweislich falsch, denn, wie im Artikel selbst geschildert, »entscheiden« über die Verwendung staatlicher Zuschüsse die Gemeinden, keine Einzelpersonen. Um wieviel Geld es sich dabei handelt, davon kann man sich ein Bild machen, wenn man die bescheidene Einrichtung in Pinneberg besucht.

Warum ein Betrüger, der das große Geld wittert, nicht in die Autoindustrie oder zur Deutschen Bank wechselt, weiß der »Spiegel« auch: Wer sich hinter dem »Schutzschild einer – vermeintlich – jüdischen Identität« versteckt, sei in Deutschland »unangreifbar«. Eine kurze Recherche hätte ergeben können, dass ein Islamist Seibert 2011 öffentlich mit dem Tod gedroht hat. Dass die Pinneberger Gemeinde wiederholt attackiert wird, können selbst Doerry und Gerlach nicht leugnen. Aber sie stellen es so dar: »2013 ging wieder eine Scheibe im Gemeindezentrum zu Bruch. Diesmal bescherte der Anschlag Seibert sogar einen Besuch des Kieler Innenministers.« Dass die Juden aus jedem Unglück Kapital schlagen, weiß man eben beim »Spiegel«.

Nach dem Hetzartikel ist Wolfgang Seibert als Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zurückgetreten. Die Gemeinde erklärt sich mit Seibert solidarisch, wie der NDR berichtet, weil die 250 Mitglieder ihn »als jüdisch, zuverlässig und sehr menschlich erlebt« haben. In einer persönlichen Erklärung über seinen Anwalt ließ Seibert mitteilen, dass er bei »öffentlichen Stellungnahmen … überzogen« habe. Das müssen Menschen beurteilen, die persönlich mit Wolfgang Seibert zu tun haben. Ein Korruptionsfall lässt sich daraus nicht machen. Und ein Skandal ist nur, wie der »Spiegel« darüber berichtet.

Olaf Kistenmacher


 

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