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Scheiß auf Tabus

Kinga Janikowska über das Instagram-Format »Mädelsabende«

Innerhalb eines Jahres hat es das Instagram-Format »Mädelsabende« auf 60.100 Followerinnen gebracht. Weil es für feministische Themen sensibilisiere, gewann es dieses Jahr den Grimme-Online-Award in der Kategorie Kultur und Unterhaltung. Aber was ist da dran?
Medienwirksame Frauenformate zu kritisieren, wirft eine auf die Frage nach Möglichkeiten und Grenzen des Popfeminismus zurück. Egal, wieviel es an der Verkürzung feministischer Theorie und der Reduktion von Feminismus auf ein Lifestyleprodukt auszusetzen gibt, erreichen genau solche Formate doch Frauen, die (noch) nicht in linken und feministischen Gruppen organisiert sind. So ist »Mädelsabende« zugute zu halten, dass es viele junge Frauen zwischen 20 und 40 mit Alltagsthemen erreicht. Kurze Videogespräche über Mutter-Tochter-Verhältnisse, Konflikte, Freundschaft, Liebe und Schwangerschaft sprechen vom Schwarzwald bis Neukölln die verschiedensten Frauen an. Die jungen Journalistinnen Farah Schäfer, Clare Devlin, Naina Kümmel und Angelina Boerger nutzen ihre Breitenwirksamkeit klug und mischen wichtige (Tabu-)Themen wie Brustkrebs, Vorsorge und Reizdarm gekonnt unter. Dazu finden sie auch noch Frauen, die bekennen: Ja, auch ich kacke, und Reizdarm betrifft mehr Frauen als Männer. 

Aber kacken ist noch nicht Emanzipation, und so ist die Stärke, viele Frauen in ihren Lebensrealitäten abzuholen und aufzuklären, zugleich eine Schwäche: Das Format bleibt dem deutschen Bürgertum gefällig. Wenn die »Mädels« über Transsexualität sprechen, erwähnen sie keine einzige Trans-Frau, sondern nur Trans-Männer und deren Ausleben von Männlichkeit. Das spricht die bürgerliche Sehnsucht an, Trans-Menschen auf ihr Geburtsgeschlecht festzulegen und als leidende Verwirrte darzustellen. Noch problematischer ist, dass beim Thema Migration Rassismus ausgespart bleibt. Die interviewten Migrant*innen (darunter ein Bundeswehrsoldat) erscheinen als integrationswütige Sprachgenies, die Deutschland für seine tolle Offenheit ewig dankbar sind.

Und so kann die Feministin sich freuen, dass bei Mädelsabenden nun auch gekackt werden darf, muss jedoch beweinen, dass dies zufriedenen deutschen Frauen vorbehalten ist. 

Kinga Janikowska

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