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Tim Lindemann über die Westernanthologie »The Ballad of Buster Scruggs« von Joel und Ethan Coen

Der amerikanische Kultregisseur Walter Hill hat einmal gesagt: »Einen Western zu schauen mag den Zuschauern nicht immer Spaß machen – einen Western zu drehen aber ist immer ein Spaß für die Filmemacher.« Dass Joel und Ethan Coen beim Dreh ihrer Westernanthologie, die nun auf Netflix präsentiert wird, eine Menge Freude hatten, wird schon an der Fülle des Materials, das die Brüder gesammelt haben, offensichtlich: Nicht nur diesen Spielfilm – der bislang längste der Coens – wollen sie veröffentlichen, sondern auch eine dazugehörige Miniserie.

Wie ist es aber nun um den Spaß der Zuschauer bestellt? Die erste titelgebende Episode »The Ballad of Buster Scruggs« gibt die Stoßrichtung vor: Die knarzige Authentizität ihres vorigen Genrebeitrags »True Grit« hat hier keinen Platz – statt dessen setzen die Coens auf knallige Überzeichnung, die oft über die Grenze zur Albernheit hinausgeht. So erzählt der erste Abschnitt vom singenden Cowboy Scruggs (Coen-Kumpel Tim Blake Nelson), der nicht nur einen scharfen weißen Anzug trägt, sondern auch der schnellste Schütze des Wilden Westens ist – und davon, wie er seinen Meister trifft. Die Regisseure setzen in dieser und der folgenden Episode mit James Franco auf reichlich physischen Humor, den eine enorme Menge Kunstblut unterstreicht – so brutal ging es in einem Coen-Film seit »Fargo« nicht mehr zu. Das wird nie langweilig, verschwindet aber beinahe schon während der Sichtung wieder aus dem Gedächtnis.

Überzeugend ist nur das Fragment »All Gold Canyon«, in dem ein grummeliger Goldgräber (Tom Waits) in einem menschenleeren Tal nach Bodenschätzen gräbt. Hier überrascht, dass die Coens eine Geschichte fast vollständig visuell erzählen und kaum auf Dialoge bauen. Ähnliches versuchen sie in der Episode »Meal Ticket« mit Liam Neeson, die aber ähnlich wie die darauffolgende unter einem arg zynischen Ende leidet, das nicht so recht zum eher lockeren Ton dieser Sammlung passen will. Insgesamt wirkt »The Ballad of Buster Scruggs« wie eine etwas beiläufige, fraglos unterhaltsame Fingerübung, die von den Sternstunden des Duos aber meilenweit entfernt ist. Hauptsache, sie hatten Spaß.

Tim Lindemann


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