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Wie deutsche Museen und Kulturpolitiker Raubkunst definieren.

Von Sabine Lueken

Am 18. Juli 1937 verließ Max Beckmann, »Hitlers meistgehasster Maler«, Berlin und kehrte nie wieder nach Deutschland zurück. Am nächsten Tag eröffnete Hitler die Ausstellung »Entartete Kunst«. Beckmanns fünf Gemälde aus der Berliner Nationalgalerie waren mit 110 anderen Kunstwerken der Moderne einige Tage zuvor nach München  abtransportiert worden. Insgesamt beschlagnahmten  die Nazis in deutschen Museen über 20.000 Gemälde, Grafiken und Skulpturen und versteigerten sie 1939 in Luzern, verkauften oder tauschten sie; den Rest verbrannten sie im Hof der Hauptfeuerwache in Berlin-Kreuzberg.

Die im September 2017 verstorbene Barbara Göpel, Witwe des Kunstsammlers Erhard Göpel, hat der Stiftung Staatliche Museen zu Berlin/Preußischer Kulturbesitz eine Sammlung von Beckmann-Werken vermacht: 46 Grafiken, 52 Drucke und zwei Gemälde. Ein drittes Gemälde bekam die Kunsthalle Bremen als Geschenk, ein viertes mit dem Titel »Ägypterin« wurde in diesem Frühjahr in der Berliner Villa Grisebach für brutto 5,5 Millionen Euro an einen Schweizer Sammler verkauft. Klebt an dieser Sammlung Blut? Das war abzuklären, bevor die Stiftung sie annahm. Die Werke ermöglichen Einblicke in Beckmanns künstlerische Entwicklung. Während des Ersten Weltkriegs verändert sich sein Stil hin zu dem bekannten kraftvollen Strich, schwarz konturierten Figuren und einer veränderten Auffassung der Welt. Weil die Provenienz bei Zeichnungen und Drucken noch schwieriger als sonst aufzuklären ist, ist die Ausstellung laut Kuratoren work in progress. Nach bisherigem Kenntnisstand sei keins der Werke Raubkunst. Es handelt sich um Käufe und Schenkungen. Aber wie kamen sie zustande?

Der Kunsthistoriker Erhard Göpel (1906–1966) wurde 1939 zur Wehrmacht eingezogen und war seit Mai 1942 Chefeinkäufer für den »Sonderauftrag Linz« in den Niederlanden, Belgien und Frankreich. Mit anderen Kunsthistorikern beschaffte er in den besetzten Gebieten Ausstellungsstücke für das geplante »Führermuseum«. Leiter dieses Kommandos, von Göpel launig als »Bilderjagd« bezeichnet, war der Direktor der Dresdener Gemäldegalerie, Hans Posse, und nach dessen Tod 1942 Hermann Voss. Sie konkurrierten – angeheizt durch die polykratische Struktur des NS-Staates – mit anderen Einkäufern und Räubern, etwa dem »Sonderstab Rosenberg«. Bei seinem Vorgesetzten brüstete sich Göpel damit, die Preise gedrückt zu haben, obwohl ihm exorbitant hohe Summen zur Verfügung standen. Er wusste genau, in welcher Lage sich die jüdischen Verkäufer befanden.


Nur als Gemälde kehrte er zurück: Max Beckmanns »Selbstbildnis in der Bar« (1942) - Kilger/SMB/Nationalgalerie/VG Bild-Kunst

Da er fließend Niederländisch sprach, war er prädestiniert für die Jagd in den besetzten Niederlanden. Dort lebte auch Max Beckmann im Amsterdamer Exil und wartete auf ein Visum in die USA. Göpel kannte den Maler seit 1932 und war von dessen Arbeiten begeistert. Beckmanns Frau Quappi schreibt in ihren Tagebüchern, dass Göpel seine schützende Hand über den Maler hielt. Und er half, Werke ins Reich zu transportieren, wo sie verkauft werden konnten. Der Handel mit »entarteter« Kunst war nicht verboten, solange die Künstler »arisch« waren. Es heißt, dass Göpel seine Beziehungsgeflechte auch nutzte, um jüdische Kunsthändler zu schützen. Einer von ihnen, Max J. Friedländer, bat ihn, zwei Frauen zu retten, von denen eine, Gertrud Ochs, später in Auschwitz ermordet wurde. Göpel hatte sich in diesem Fall nicht oder nicht erfolgreich eingesetzt. Die Kunsthistoriker Christian Fuhrmeister und Susanne Kienlechner bestätigen den Einsatz für einzelne Verfolgte, sagen aber auch, man könne »den Verdacht nicht ausräumen …, dass Göpel nur oder vor allem dort Hilfe gewährte, wo er einen Vorteil für sich oder den ›Sonderauftrag Linz‹ vermutete«. Sie bewerten seine Rolle als ambivalent, während der Berliner Museumsmann Eugen Blume sie weitaus positiver sieht. Für Blume ist allerdings auch Ernst Jünger »einer der prominentesten Gegner Hitlers«. Auf jeden Fall verhinderte die Mitwirkung bei der Beschlagnahme der Sammlung des französischen Kunstsammlers Adolphe Schloss später Göpels Anstellung im bayrischen Staatsdienst. US-Agenten des Office of Strategic Services hatten ihn 1946 als Kriegsverbrecher eingestuft.

Wie Göpel war Hildebrand Gurlitt – der Berliner Gropius-Bau zeigt derzeit eine Auswahl aus dessen Sammlung als »Bestandsaufnahme« – für den »Sonderauftrag Linz« tätig, ebenfalls in Frankreich, Belgien und den Niederlanden. Er war als Kunstdirektor 1930 in Zwickau und 1933 in Hamburg entlassen worden und galt wegen seiner jüdischen Großmutter als »Mischling zweiten Grades«. Als Chefeinkäufer schaffte er mindestens 300 Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen und Tapisserien im Wert von 9,8 Millionen Reichsmark an. In Frankreich soll er an Transaktionen in einem Gesamtwert von umgerechnet bis zu 25 Millionen Reichsmark partizipiert haben. Im Oktober 1943 besuchte er mehrmals gemeinsam mit Göpel Max Beckmann im Atelier. Er war einer der vier Kunsthändler, die für die »Verwertung« der »entarteten« Kunst – sie gilt nicht als Raubkunst – zuständig waren. 1950 bekam er von den Amerikanern den größten Teil seiner Sammlung aus dem Central Collecting Point in Wiesbaden zurück. Etliche Werke, die er an verschiedenen Orten versteckt hielt, hatte er nicht gemeldet. Gurlitt wurde als entlastet eingestuft – ein Entlastungszeuge war Max Beckmann.

Ronald Lauder, der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, sagte 2014, die von Nationalsozialisten geraubten Kunstwerke seien die letzten Kriegsgefangenen des Zweiten Weltkriegs. Spätestens, seit man 2012 bei einem skurrilen alten Mann in München eine spektakuläre Sammlung gefunden hat, geht das Gespenst der Raubkunst um in deutschen Museen und in der Kulturpolitik. Cornelius Gurlitt, Sohn des Nazi-Kunsträubers Hildebrand Gurlitt, wurde gejagt und zur Strecke gebracht; die bayerische Staatsanwaltschaft hat seine circa 1.600 Werke umfassende Sammlung konfisziert und die Erben abgewiesen. So sieht es jedenfalls der Schweizer Autor Maurice Philip Remy. Er wirft Kulturstaatsministerin Monika Grütters vor, mit dem Fall Gurlitt öffentlichkeitswirksam Provenienzforschung und Restitution zu betreiben – als Ablenkungsmanöver dafür, dass die Museen und öffentlichen Sammlungen hinterherhinken. Wäre es den Verantwortlichen ernst, wäre die Rückgabe von Raubkunst aus öffentlichen Sammlungen längst gesetzlich geregelt, wie es in Österreich der Fall ist, schreibt Remy. Die Washingtoner Konvention von 1998, die seit 20 Jahren den Umgang mit dem »NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgut« regelt, ist rechtlich nicht bindend, schon gar nicht für Privateigentümer.

Immerhin hat Grütters eine eigene Bundesbehörde in Magdeburg geschaffen, das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste mit der Website lostart.de, um unter anderem die Sammlung Gurlitt betreffende Provenienzforschung zu betreiben. Doch das kann dauern. Bisher tragen nur fünf Werke der Sammlung den Stempel Raubkunst. Die restlichen befinden sich im Prüfverfahren, grün markiert sind in der Ausstellung unverdächtige Werke, gelb jene, deren Herkunft noch unbekannt ist. Von den ursprünglich 524 erworbenen Werken Beckmanns gehören noch 13 zur Sammlung.

Als 1953 – wieder in Luzern – die Ausstellung »Deutsche Kunst. Meisterwerke des 20. Jahrhunderts« eröffnet wurde, belobigten die Kunsträuber sich gegenseitig. Göpel zählt in der »FAZ« »Dr. Hildebrand Gurlitt« zur »alten Garde« der »deutschen Sammler und Museumsleute, die diese Kunst gehütet oder über ihrer Verteidigung die Stellung verloren hatten«. Die Lebenslüge der kunsterpressenden Profiteure, sie hätten nur zum Wohl der Künstler gehandelt und Werke gerettet, ist eine der vielen euphemistischen Legenden, die die junge Bundesrepublik geprägt haben.

Ganz zu schweigen von denen, die ohne jeden Zweifel Täter waren. In einem »investigativen Sachbuch« berichtet der Journalist Burkhart List von den braunen Netzwerken, in denen ehemalige SS-Angehörige als wieder ins Amt gekommene Staatsdiener den Kunstraub verschleierten und sich selbst bereicherten. Ein Beispiel von vielen: Ernst Féaux de la Croix, von 1934 bis 1945 im Reichsjustizministerium zuständig für den juristischen Status von Ausländern und den Umgang mit »Fremdvölkischen«, war zwischen 1953 und 1971 im Bundesfinanzministerium für Wiedergutmachungsfragen zuständig. Man hatte die Böcke, wie in vielen anderen Bereichen, zu Gärtnern gemacht.

 

Ausstellung »Beckmann. Das Vermächtnis Barbara Göpel« im Kulturforum Berlin bis 13. Januar 2019 (Katalog 56 Seiten, 8 Euro)

Ausstellung »Bestandsaufnahme Gurlitt. Ein Kunsthändler im Nationalsozialismus« im Martin-Gropius-Bau, Berlin, bis 7. Januar 2019 (Katalog: Hirmer-Verlag, 344 Seiten, 29,90 Euro.

Christian Fuhrmeister /Susanne Kienlechner: »Erhard Göpel im Nationalsozialismus. Eine Skizze«. PDF auf zikg.eu

Burkhart List: Die Affäre Deutsch. Braune Netzwerke hinter dem größten Raubkunstskandal. Das Neue Berlin, Berlin 2018, 496 Seiten, 29 Euro

Sabine Lueken schrieb in konkret 10/18 über den Umgang der Deutschen mit ihren Verbrechen während der Kolonialzeit

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