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Was soll das Ausland denken?

Elke Wittich über 290 Aufrechte gegen Horst Seehofer

Noch vor ein paar Jahren war Langeweilebekämpfung im Internet ganz einfach: Man musste sich nur kurz über die jeweils aktuell bei Twitter grassierende Petition informieren und ihren ob des eigenen Muts, für die Beseitigung eines politischen Missstandes mit dem Namen einzustehen, unendlich stolzen Unterschreibern ein paar Wahrheiten sagen. Wie zum Beispiel die, dass der deutsche Bundestag Petitionen nur dann annimmt, wenn sie auf der dafür vorgesehenen Website und nicht bei einem privaten Anbieter erstellt werden. Und dass es zwar supertoll ist, klar, wenn Zigtausende mit ihren Twitternicks bei, fiktives Beispiel, unglaublich-seriöse-petionsseite.de für die sofortige Abschaffung von Elend aller Art votieren, das tolle Engagement aber leiderleider folgenlos bleiben wird. Weil der Bundestag, genau, sich nur mit den Eingaben auf seiner Seite beschäftigt. Und natürlich auch, weil sich drei Wochen und rund fünf Petitionen später niemand mehr an die imposante Unterschriftensammlung mit rund vier Millionen Unterzeichnern erinnert.

Nun aber ist alles anders, und die Leute kennen die Sache mit dem Bundestag und den privaten Plattformen, benutzen aber letztere immer noch massenhaft, weil es halt doch immer ganz nett ist, bei der Lokalzeitung darauf zu verweisen, dass man gegen den aktuellen Missstand schon Tausende Menschen oder wenigstens Twitternicks mobilisiert hat. Haben dann ja auch alle was davon: der Lokalredakteur eine nette Geschichte, die massenhaft angeklickt wird, die Petitionsstarter und Unterzeichner das gute Gefühl, echt vorbildlich engagierte Bürger zu sein, und der Missstand freut sich sicher auch, wenn er mal in der Zeitung steht.

Womit wir zur Unterschriftensammlung gegen Horst Seehofer kommen, mit der – unter der aus Spannungsgründen nicht zuviel über den Inhalt verratenden Überschrift »Würde, Verantwortung, Demokratie« – 290 sogenannte Kulturschaffende die Entlassung des Bundesinnenministers fordern. Was an sich erst mal keine schlechte Idee ist, also der Kanzlerin nahezulegen, sich einen neuen Bundesinnenminister zu suchen, weil sie von allein sicher nie darauf kommen und ewig am CSU-Chef festhalten würde, kann sie ja nicht ahnen, dass er gar nicht der einzige in der Bundesrepublik ist, der den Posten haben will. Und so wird im Text aufgelistet und argumentiert und erklärt, was genau gegen den Mann vorliegt – kann ja sein, dass Merkel gar keine Zeitungen liest oder Nachrichten guckt, hat schließlich immer viel zu tun, und man kennt das, da ist man abends froh, wenn man irgendeine nette Serie gucken kann oder ein hübsches Onlinespiel, vielleicht sogar was Entspannendes mit Pferdchen daddeln kann und sich nicht mit so kompliziertem Zeug wie Politik beschäftigen muss.

Wobei, so ganz wirklich wollen die Kulturleute nicht, dass Seehofer rausgeworfen wird, denn im letzten Satz ihrer Erklärung steht: »Horst Seehofer sollte – noch vor der Landtagswahl in Bayern – vom Amt des Bundesinnenministers zurücktreten.« Und damit er nicht so lange überlegen muss, was er als Kündigungsgrund angibt, gibt es eine Menge Gründe zum Aussuchen. »Sehr geehrte Bundeskanzlerin «, könnte er also demnach schreiben, »hiermit trete ich von meinem Amt zurück, weil nämlich Jan Böttcher, Dieter Kosslick, Ronja von Rönne, Inga Humpe, Moritz Rinke, Günter Wallraff und andere ›entsetzt darüber‹ sind, ›dass der Bundesinnenminister‹, also ich, ›fortwährend die Arbeitsfähigkeit der Bundesregierung sabotiert und dem internationalen Ansehen des Landes schadet‹ und außerdem unter anderem ›die Werte unserer Verfassung beschädigt‹. Dazu bin ich ›provozierend, rückwärtsgewandt und würdelos‹. Mit freundlichen Grüßen, H. S.«

Das mit dem Ansehen im Ausland ist immer ein schönes Argument, vor allem in Petitionen. »… fordern wir, unverzüglich mit dem Bau einer Umgehungsstraße zu beginnen (oder den Bau einzustellen. Oder das Schulessen billiger zu machen. Oder, oder …), weil: was soll denn sonst das Ausland denken«, heißt es in Unterschriftensammlungen gern. Und zwar in denen aller politischen Richtungen, weil nämlich von AfDlern bis Linken jeder sein eigenes ideelles Ausland hat, in dem samt und sonders Menschen wohnen, die von morgens bis abends verfolgen, was in diesem Deutschland vor sich geht und sofort empört zum Handy greifen und die UN anrufen, wenn irgendwas passiert, was ihnen nicht gefällt: »Hallo, ich rufe wegen dieser Umgehungsstraße an, können Sie bitte Deutschland auf der Stelle aus der Staatengemeinschaft ausschließen, ja, danke, und ohne Abendessen ins Bett«, so was geht bekanntlich schneller, als man denkt.

Aber Moment, Moooment, das ist ja gar keine Petition, die die Kulturschaffenden da ersonnen haben, sondern bloß ein offener Brief? Na gut, so gesehen. In den Überschriften erstaunlich vieler Zeitungsartikel zum Thema kam das Wort trotzdem vor. Außerdem werden Mitzeichner gesucht, die ruhig auch andere Berufe als Publizist, Regisseurin, Literaturkritiker und Autorin und so haben dürfen. Insofern ist das Ding doch eine Petition, wenn auch nicht die erfolgreichste seit Menschengedenken.

»Liebe Unterzeichnerinnen und Unterzeichner«, heißt es auf der Website dazu, »inzwischen haben über 8.000 Menschen aus allen Bereichen der Gesellschaft die Erklärung unterschrieben.« Was nicht gerade ein sensationelles Ergebnis ist, wenn man bedenkt, dass die Petition »Einkommensteuer – Steuerfreiheit für Aktiengewinne nach mindestens fünfjähriger Haltedauer« auf der Bundestagsseite etwas mehr als 7.000 Unterzeichner fand, von denen aber keiner Kultur schafft und die auch nicht mit dem Ansehen im Ausland argumentieren, sondern bloß damit, dass »eine gute Aktienkultur auch die Wirtschaft« stärke »und das wirtschaftliche Verständnis der Bevölkerung«.

Und überhaupt, 8.000 Leute, die den Rücktritt Seehofers fordern, sind ganz schön viele. Also vielleicht nicht wirklich viele, aber, wie es die Erklärungsverfasser formulieren, »eine breite und entschlossene Unterstützung«. Außerdem: »Auch in den Medien hat die Erklärung große Resonanz gefunden«, mehr kann man von einer Unterschriftensammlung nun wirklich nicht verlangen. Das Ansehen des Landes im Ausland ist jedenfalls gerettet.

 

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