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Tomayers ehrliches Tagebuch

Zum 80. Geburtstag Horst Tomayers (1.11.1938–13.12.2013) Autobiografisches aus dem Nachlass (von 1993)

 

Mitte Mai ’46 waren wir, meine traurige Mutter, der am grauen Star leidende greise Großvater väterlicherseits, meine Unbekümmertheit und drei sogenannte Habseligkeiten bergende Köfferchen, in Grafrath an den nördlichen Verschilfungen des Ammersees in das Einfamilienhäuschen des kinderlosen Straßenwärterehepaares Bals zwangseinquartiert worden. Kinder, sagt man, machen aus dem Schlimmsten, und sei’s die Vertreibung aus dem Paradiese, in meinem Fall die Egerländer Hoimat, das Beste – und tatsächlich hatte ich ja auf dem Aussiedlertransport die erste Orange meines Lebens kennengelernt und war für weitere Überraschungen sperrangeloffnen Sinnes. Und doch fröstelte es mich ein bisschen im Gemüte, denn ich war zwar als süß anzuschauendes Lockenköpferl so manchen Tätschelns gewiss, aber galt doch auch als Flüchtling, als ungebetner, als Zuagroaster, in Einheimisches frech Eindringender und – unverständlich noch dazu. Wenn ich bei den Hamsterausflügen über die Nachbardörfer, von der Mutter meines mitleidauslösenden Outfits wegen vorgeschickt, mein Bettelsprüchlein gegen das Kläffen des Hofhundes zu Gehör zu bringen suchte – »Mir san Flichtling ausm Sudetenland, und i bitt schei um a wenglers wos zum Essen, war a mit am A zufrieden« –, dann polterte das Lachen der zahnluckerten Altbauern wie Lawinengeröll. Denn im Bayerischen is das A der Anfangsbuchstabe und kein Ei wie in dem mich damals noch dominierenden sudetendeutschen Idiom, dessen ich mich übrigens in ganz kurzer Zeit aufs Opportunistischste wie Vergnüglichste entledigte, ich glaube, meine bayerische Sprachsozialisation dauerte kein Jahr.

Aber da war eine andere Befremdlichkeit. Und diese war die Religion. Ich trug ja, was die Pietas in Deum betrifft, das Brandzeichen des Lutherischen auf der Stirn, wie meine Mutter auch, und stand in bezug auf die diversen katholischen Dinge und Machenschaften vom Rosenkranz bis zur Beichte wie der Ochs vorm neuen Scheunentor. Am Weg zum Bahnhof, vorm Kloster Sankt Rasso, am Kriegerdenkmal, an der Schotterstraße nach Mauern, überall in der Gemarkung stieß ich auf den Sohn Gottes am Holze. Die unter Erziehung stehende Dorfjugend wusste, was zu tun war, sie bekreuzigte sich vor dem Gekreuzigten am Kreuze, wies der Brauch war. Aber unsereiner? In meiner Not wandte ich mich an Frollein Höllweger, meine Lehrerin an der Zwergschule Wildenroth, und sie, die später wegen ihres lebenslangen Verzichts auf Alkohol, Nikotin und Mann fast hundert Jahre alt werden sollte, sie, die instinktiv Ökumenische, sagte mir: Wenn du am Kreuz vorübergehst, Horstl, brauchst dich nicht zu bekreuzigen wie die andern, sagst einfach »Grüßgott Kreuz«, das freut den Heiland auch.

Manchen Tätschelns gewiss: Klein-Horstl

 

Mein erstes Festum Corporis Christi, mein erstes Fronleichnam, erlebte ich am 20. Juni ’46. Frau Bals frage meine Mutter, ob sie aus dem von uns Fremdgläubigen bewohnten Fenster die blutroten, mit goldenen Paspeln verzierten Tücher hängen dürfte, solange die Prozession mit dem Sakrament unterm von vier unbescholtenen Bürgern getragenen stoffenen Himmel wäre. Um Gottes Willen, sagte meine Mutter zur Hausherrin und schlug die Hände über der Schürze zusammen, das ist doch eine Selbstverständlichkeit.

Drei Wochen später kam das erste Lebenszeichen in Gestalt einer mit 25 Worten beschriebenen Postkarte meines in der Sowjetunion im Lager 7207 Hitler-Deutschland abbüßenden Vaters. Und Mutter wurde ein bisschen katholisch.

Es war an einem formvollendeten Sommersonntag des Jahres ’53 im Austragshäusl des Strobl-Hias-Bauern zu Unteralting, wo die Flüchtlingskleinfamilie Tomayer damals logierte. Die Egerländer Knödl zum bayerischen Schwein waren wie immer eine feiertägliche Ode an den Gaumen gewesen, und Vater hatte sich, zufrieden mit den Verhandlungen betreffend den Erwerb einer Lokalität für die Renaissance seines vom Kriege ruinierten Sattler- und Polsterer-Einmannbetriebes, ein Zigaretterl gedreht, da hörte ich eine Stimme, und die Stimme sprach: Horst, hast du deine Mutter lieb, so bring ihrs Fahrradfahren bei.

Mutter war seinerzeit schon fünfzig und hatte bis dato ihre Gänge, die bepackten und die weniger beschwerlichen, die zum Kolonialwarenhändler im Dorf, zur Arbeit als Pflanzerin im Forst, zum Doktor in der Kreisstadt und all die anderen Wege demütig und tapfer per pedes apostolorum vollzogen, war aber halt auch allem Neuen, Erleichternden zickig unaufgeschlossen wie die zugefallne Tür. Kein Wunder, dass sie, konfrontiert mit meinem die Füße beflügelnden, die Mühe des Schleppens, des Leibes und der Lasten mindernden Vorschlag, in Erschrecken zum Ausdruck bringendem Egerländerisch ausrief: Radlfahren, naa Bou, des lern i als alte Frau nimma.

No, Berta, was redest denn da, meinte Vater in spielerischer Entrüstung, was Kinder können, kannst du auch, bist doch noch keine alte Frau, probiers halt mal, der Horst hilft dir scho.

Naa, sagte Mutter, das mach ich nicht, die Leut lachen mich ja aus.

No, wer lacht denn, sagte mein Vater, da im Garten siehts doch keiner.

Und so nahm meine Mutter zum ersten Male in ihrem Leben, angetan mit ihrer Sonntagsschürze, Platz im Sattel eines Fahrrads, eines gusseisernen Gefährts der Marke Wanderer, die mein Vater als Zugmaschine für den Hänger mit dem Handwerkszeug (für seine Erwerbstouren über die Dörfer) gebraucht erstanden, und ich stütze ihr, ja, man darf sagen: verzweifeltes Mühen, a) im Sattel zu verbleiben, b) das Gleichgewicht zu behalten, c) zu lenken und d) zu treten.

Vier sich in ein und derselben Zeit zu ostentativem Wirrwarr verknüpfende Handlungsfäden und das in kuhfladenglitschigem Gras. Vom Gartentor, an den Wäschestangen vorüber, gings zum Misthaufen und retour, beiseit mit mir, dem Grande Stabilisator, dann sagte Mutter, not amused über Vaters Feixen: Für heut langts, a andersmal wieder. – Tja, von wegen: Ein anderes Mal … Ein anderes Mal regnete es, und wieder ein anderes Mal war Vater mit dem Rade unterwegs. Und dann, ab Herbst ’53, galt es, die gesamte Familienpower in das Projekt Eigenheim einzuschießen, und der Vorgang »Mutter lernt Radfahren« wurde auf Nimmerwiedervorlage getan. Mutter starb vor acht Jahren mit 83, und es ist gewiss keine prätentiöse Pointenattitüde, wenn ich sage: Sie starb auch daran, dass sie nicht radfahren konnte.  

 

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