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»Scheiß doch einfach in die Ecke«

Interview mit dem Schriftsteller und Theaterregisseur David Chotjewitz, Sohn des KONKRET-Autors Peter O. Chotjewitz und der Publizistin Renate Chotjewitz-Häfner, über seine Kindheit in der linken Boheme und sein Theaterstück »Narziß und die Revolution«

KONKRET: Ist es Absicht, daß das Theaterstück erst nach dem Tod deiner Eltern uraufgeführt wird?

Chotjewitz: Nee, ich hätte es schön gefunden, wenn die autobiographische Textsammlung, auf der das Stück basiert, noch zu Lebzeiten meiner Eltern erschienen wäre. Mein Vater hat immer gesagt: »Junge, jetzt ist es mal Zeit, daß du den großen Roman rausbringst.« Da habe ich geantwortet: »Wenn ich mal ein großes Werk schreibe, dann eine Abrechnung mit den Eltern.« Pit daraufhin: »Nur zu, zieh ordentlich vom Leder!« Meine Mutter hätte das anders gesehen, aber das mit der Abrechnung war natürlich ein Scherz.

Was unterscheidet deine Behandlung des Themas Jugend in der linken Boheme von tatsächlichen Abrechnungen mit den 68er-Eltern wie von Jan Fleischhauer, der »unter Linken« aufwuchs?

Ich habe deren Bücher gar nicht gelesen. Wobei es ja auch schon etwas aussagt, daß mich das nicht interessiert. Mein Anliegen war nie zu sagen: Seht nur, wohin das Linkssein führt.

Dein Vater ließ sich öfter über Texte von 68er-Kindern aus. Über das Buch von Ulrike Meinhofs Tochter Bettina Röhl So macht Kommunismus Spaß schrieb er in KONKRET 5/06: »Wie muß ein Mensch beschaffen sein, der um des literarischen Erfolges willen versucht, das Leben der eigenen Mutter in den Dreck zu ziehen? ... Sie will in erster Linie alles durch die Scheiße ziehen, was in den letzten hundert Jahren irgendwie links war ... Dem allein dient die Beschäftigung mit den Eltern.«

Das hat mit meinem Ansatz nichts zu tun. Wozu sollte ich meine Eltern in den Dreck ziehen? Wichtig ist mir die Frage: Was geht wie in die Öffentlichkeit? Ein literarischer Text, wie ich ihn hier vorlege, lebt von seiner Vielschichtigkeit. Der will nicht runtergebrochen werden auf die Aussage: Die 68er waren scheiße oder das Tollste überhaupt.

Ich wollte als Zwölfjähriger aus dieser Familie raus und war viel bei anderen Leuten, das hat aber überhaupt nichts damit zu tun, daß meine Eltern links waren. Aus einer Nazi-Familie oder einer unpolitisch bürgerlichen wäre ich vielleicht noch schneller abgehauen. Über die ganze Bewegung kann man schon eher Aussagen machen. Beobachtet habe ich etwa, daß Leute, die politisch links und total fortschrittlich waren, auf einer anderen Ebene Verhaltensweisen aus dem 19. Jahrhundert an den Tag legten. Und daß sie Probleme mit ihrer Emotionalität hatten, Gefühle waren kein Thema. Aber ich möchte da gar nicht viel bewerten, meine Weichspülerlinie ist vielleicht auch nicht die richtige.

Steht Ted Gaier von den Goldenen Zitronen, der an »Narziß und die Revolution« beteiligt ist, für einen anderen Umgang mit der linken Elterngeneration? Er ist noch heute zusammen mit seiner Mutter, der Filmregisseurin Margit Czenki, in politischen Projekten aktiv.

Ja, Ted steht stärker in einer politischen Tradition. Aber auch meine Eltern, mein Bruder und ich waren lange in ähnlichen Zusammenhängen aktiv. Ich habe zum Beispiel mit meiner Mutter eine linksradikale Lokalzeitung gemacht. Pit war damals schon in seiner realsozialistischen Phase und ist durch die Welt gejettet, um als stellvertretender Vorsitzender des Schriftstellerverbands Reden zu halten, der tauchte in der Praxis nicht so auf. Schon gar nicht bei den heftigen Demos gegen die Startbahn West, bei denen wir regelrecht Krieg mit der Polizei führten. Erste Brüche gab es in den Achtzigern, als ich mich etwa für Lorenz Lorenz’ Buch Die Einsamkeit des Amokläufers begeisterte. Das kam aus der Punk-Richtung und grenzte sich stark vom gewerkschaftlichen Sechziger/Siebziger-Literaturbetrieb ab, Böll ist eine Schnarchtasse, hieß es. Pit war entsetzt, das sei eine ganz gefährliche Richtung. Obwohl unsere Differenzen also in der Regel eher Feinheiten betrafen, blieb er für mich ungreifbar. Wenn ich jemanden nicht verstehen konnte, dann war das mein Vater. Daß er mal die DKP oder auch die RAF für der Weisheit letzten Schluß gehalten haben will, konnte ich nicht glauben.

Wie hast du gegen deine Eltern rebelliert? Ging das überhaupt?

Das ist eine der Fragen, um die sich das Stück dreht. Es gab verschiedene Phasen. Rolf Dieter Brinkmann beschreibt in Rom, Blicke unser Zuhause und trifft da Dinge, die uns Kinder tierisch nervten. Dauernd hingen bei uns Idioten rum, die doof rumschwätzten – alles unter der Überschrift: Wir sind Kommunisten, wir sind fortschrittlich, aber vor allem: Wir sind Künstler, wir sind was ganz Besonderes. Alle waren fast immer stoned oder besoffen und entsprechend distanzlos, aber das haste in anderen Familien auch. Um uns kümmerte man sich nicht. Als mein Bruder auf irgendeiner Kunstaktion dringend aufs Klo mußte, sagte Pit: »Scheiß doch einfach in die Ecke.« Oder er hat mal, als ich zu Hause klingelte, aus einer Laune heraus gesagt: »Ich kenn dich nicht« und mich nicht reingelassen. Da stand ich als Fünfjähriger in diesem Treppenhaus und dachte: Ey, diese Familie ist so scheiße!

Wobei ich die Bohemezeit in Italien eher in guter Erinnerung habe. Erst als ich erwachsen war, hat mir Pit stolz erzählt, daß wir da mit den untergetauchten RAF-Gründern zu tun hatten. Wir seien eine gute Tarnung gewesen: Baader, Ensslin und zwei Kinder, das habe ausgesehen wie eine Familie. Meine Mutter hat immer gesagt, wenn ich sie auf sowas ansprach: »Die Zeit war damals so.«

Im sogenannten Deutschen Herbst, als wir in die spießige hessische Provinz übersiedelten, wo alle über uns die Nase rümpften, hatte ich überhaupt keinen Bock mehr auf Unbürgerlichkeit und war super angepaßt. Mit 12, 13 hatte ich sogar Verratsphantasien: Ich wollte zur Polizei gehen und gegen meine Eltern aussagen, hatte aber nicht so recht was in der Hand. Die Fotos von den leidenden Hungerstreikenden überall, diese dauernde Panikstimmung gingen mir auf den Zeiger. Die RAF-Geschichte hat mich aber auch fasziniert, als ich die Akten aus dem Archiv des Anwalts Klaus Croissant entdeckte, die bei uns auf dem Boden eingelagert waren. Das war meine Abenteuerlektüre neben Enid Blyton, die meine Mutter als spießig ablehnte.

So unbürgerlich meine Familie war, irgendwann wurde sie bürgerlich. Als ich in Hippiekreise geriet, bekam ich zum ersten Mal Anerkennung: Mein Vater galt plötzlich als cool, unser Haus als offenes Haus, aber als wir den Weinkeller radikal leer soffen, rumsumpften und nicht mehr zur Schule wollten, gab’s richtig Ärger, und plötzlich war die Frontstellung anders: War es mir früher peinlich mit den bunten Flicken zur Schule zu gehen, die mir meine Mutter auf die Hosen nähte, wollte sie mich nun nicht mit meinen abgerissenen Punkerhosen aus dem Haus lassen. Da hab ich die Welt nicht mehr verstanden, und es gab heftige Auseinandersetzungen. Zwischen 15 und 17 konnte ich also volle Kante rebellieren. Irgendwann hat Pit aufgegeben, und dann war’s easy, da war er der Papa, mit dem man auf eine Demo gehen oder kiffen konnte.

Aus dem Arbeitstitel des Stückes »Ich und die Revolution« wurde »Narziß und die Revolution«. Klingt da Selbstkritik an?

Auch wenn es viele interessieren mag, wenn man als Kind mit Andreas Baader zu tun hatte, ist es natürlich ein narzißtischer Ansatz, seine Jugend auszubreiten. Das wäre mir zu wenig, ich möchte meine Biographie in ein Verhältnis setzen zu gesellschaftlichen Realitäten – dafür steht der Begriff Revolution – und so über die reine Selbstbespiegelung hinausgehen.

Deshalb spielen wir auch nicht auf der großen Bühne, sondern in verschiedenen Zimmern eines ehemaligen Hausmeisterwohnhauses. Das ist intimer, und wer die Selbstbespiegelung des David Chotjewitz nicht interessant findet, der kann den Raum wechseln und sich anderen Ansätzen und Kindheitsgeschichten von weiteren Akteuren zuwenden. Es geht hier also nicht um mich. Eine Performerin wird übrigens meinen wandelnden Minderwertigkeitskomplex spielen.

»Narziß und die Revolution« wird am 20. April uraufgeführt, weitere Vorstellungen am 21., 22. sowie vom 26. bis 28. April, jeweils um 20 Uhr, in der Hafencity-Universität, Averhoffstr. 38, Hamburg, und am 29. April in der Universität der Nachbarschaften, Rotenhäuser Damm 30, Hamburg-Wilhelmsburg (Special mit Gästen). Karten und weitere Informationen über www.kampnagel.de

– Interview: Marit Hofmann –

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