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Das J-Wort

Zu den Obsessionen des Künstlers R. B. Kitaj gehören das Jüdische und die Bücher. Von Stefan Ripplinger

Ein Buch darf kein Bild, ein Bild darf kein Buch sein. So lautet das heilige Gebot Gotthold Ephraim Lessings und seines Jüngers Clement Greenberg. Niemand hat es so entschlossen übertreten wie R. B. Kitaj (1932– 2007). Nicht nur sind seine Bilder Bücher, sie erzählen mitunter ganze Stücke und Romane.

Einer von seinen Bild-Romanen ist die erfundene Biographie von Joe Singer. Singer selbst ist zwar nicht erfunden; er war ein Liebhaber der Mutter des Künstlers. Aber das ist auch schon alles, was über diesen Mann bekannt ist, aus dem Kitaj einen archetypischen Diaspora-Juden, ein Alter ego, macht.

Die Ausstellung im Berliner Jüdischen Museum reißt die Kapitel des Singer-Romans auseinander. Aber nicht, weil sie das Erzählerische von Kitajs Kunst vornehm ausschließen möchte. Sie stellt es in grelle Zusammenhänge, die Obsessionen des Künstlers.

Das Jüdische ist von diesen Obsessionen die jüngste. Erst Mitte der siebziger Jahre kam der Künstler zum Thema, unter dem Einfluß von Sandra Fisher, die seine zweite Frau werden sollte.

Die älteste seiner Obsessionen sind die Bücher. Von literarischen Verweisen fließt sein Werk fast über: Walter Benjamin, Robert Creeley, Franz Kafka ... Besonders stark in der Berliner Ausstellung die Hommage an Herman Melville: ein dunkler Körper, der sich in Sonne, Wolken, Palmen zu zersetzen scheint. Melville sei der Anstoß für ihn gewesen, zur See zu fahren, erinnert sich der Künstler.

Und als er zur See fuhr, lernte er die Rotlichtviertel kennen. Dies ist die dritte seiner großen Obsessionen: Bordelle. Seine Bilder zeigen selten die Huren, häufig die Häuser und die Freier. Auf »Germania (To the Brothel)« von 1987 befinden sich zwei Freier auf St. Pauli, sie gehen in den Puff, einer von ihnen hat einen Klumpfuß. Während der andere rasch vorankommt, zieht sich der Weg für den Hinkenden endlos.

Grotesk wie dieser Freier ist auch die Gestalt, die sich Kitaj auf seinem stark expressionistischen Selbstporträt »The Sensualist« (1973–84) gibt. Auch hier bilden die Bordelle bloß die illuminierte Kulisse, im düsteren Vordergrund hat Kitaj, sich vor Gier verzehrend, den linken Arm um seinen Kopf geschlungen. Das Selbstporträt wirkt zugleich komisch, androgyn, mythisch. Es stellt Tizians »Schindung des Marsyas« (ca. 1570) auf den Kopf; der »Lüstling « hat die Bocksbeine des Satyrn. Er zieht sich nicht nur aus, er zieht sich die Haut ab.

Beiläufig erinnert dieses Gemälde an eines der köstlichsten des Künstlers, »Warburg as Maenad« (1961/62). Die fleischfarbene, sich verzückt windende Gestalt ist auf der Brust ebenso behaart wie am Geschlecht. Der Erkunder der Mänaden ist selbst eine geworden. Er habe sich von zwei Begriffen leiten lassen, von dem des kollektiven Unbewußten C. G. Jungs und von dem der sozialen Erinnerung Aby Warburgs, bekannte Kitaj.

In die soziale Erinnerung mischt sich bei ihm die persönliche, und so trägt die ermordete Rosa Luxemburg die Züge seiner Großmutter. Diese Überblendung von kollektiver und persönlicher Geschichte hat, bei aller Leidenschaft, immer etwas gründlich Durchdachtes und genau Komponiertes, oft etwas Tänzerisches. Nur ein einziges Mal fällt er aus der Rolle.

1994 hat er in der Londoner Tate Gallery eine Retrospektive seines Werks gezeigt, die von der Kritik feindlich aufgenommen wurde. Der verletzte Künstler gewann den Eindruck, die Kritik richte sich nicht gegen seine Kunst an sich, sondern gegen das ostentativ Jüdische an ihr. Während dieser Querelen starb Sandra Fisher, seine geliebte Frau, mit nur 47 Jahren an einem Aneurysma. Kitaj verließ Großbritannien, wo er 30 Jahre lang gelebt hatte, und zog zurück in die USA. Unter dem Eindruck des Schocks entstanden schockierende Gemälde.

»The Killer-Critic Assassinated By His Widower, Even« (1997) gehört eher zu Art Brut als zur School of London (Frank Auerbach, Francis Bacon, Leon Kossoff u. a.). Es ist ein Gemälde, das auch den in die Magengrube trifft, auf den es gar nicht abzielt. Zwei Schützen – der eine trägt statt eines Kopfs das hebräische Zeichen Koph für Kitaj, der andere ist Édouard Manet – schießen und pissen auf ein vieläugiges Kritikermonster. Aus dessen Maul quillt das Spruchband »yellowpress killkillkill«. Am unteren Rand sind Cover unter anderem von blutrünstigen Tragödien sowie »Hate Hate« aufgeklebt.

Verwiese nicht der Titel spöttisch auf Marcel Duchamps »Großes Glas« (»La Mariée mise à nu par ses célibataires, même«) und erlaubte es sich Kitaj nicht, handschriftlich eine bekannte These von T. S. Eliot zu verbessern (»art is the escape to personality«, nicht »from personality «), der alte Ironiker hätte verloren geglaubt werden können. In den Jahren darauf schlägt mit den Darstellungen von Sandra als Engel der Haß in bittersüße Melancholie um.

R. B. Kitaj sagte einmal, jüdische Künstler habe es viele gegeben, aber es seien doch fast alle zu feige, das »J-Wort« auszusprechen. Er hat es ausgesprochen, und einige andere unerhörte Wörter auch.

Die Kitaj-Ausstellung »Obsessionen« ist noch bis 27. Januar 2013 im Jüdischen Museum, Berlin, zu sehen. Der Katalog ist im Kerber-Verlag erschienen und kostet im Museum 34 Euro (im Buchhandel 48 Euro).

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