Aktuelles

tl_files/hefte/2019/abo0119start.jpg

To watch this video, you need the latest Flash-Player and active javascript in your browser.

Tomayers Video-Tagebuch

No-Go-Area Deutschland

Filmkritiken

Termine

"Fair and balanced"

Das Revolverblatt »News of the World« ist tot. Rupert Murdochs ultrarechter Krawallsender Fox News lebt.

Von Andreas Busche

Es war bislang kein gutes Jahr für Rupert Murdoch. Erst zwang ihn der Abhörskandal um die britische Boulevard-Drecksschleuder »News of the World« dazu, sein einträgliches Printflaggschiff einzustellen, um weiteres Unheil von seinem Medienimperium News Corp. abzuwenden. Im Zuge dessen scheiterte auch die sicher geglaubte Übernahme des Bezahlsenders B Sky B, die laut Fachleuten zu einer »Berlusconisierung« der britischen Medienlandschaft geführt hätte. Er mußte mit ansehen, wie die Internetplattform Myspace nur wenige Jahre nach dem spektakulären 580-Millionen-Dollar-Deal mit populärer Unterstützung des ehemaligen Boygroupsängers Justin Timberlake für läppische 35 Millionen Euro an einen amerikanischen Großinvestor verscherbelt wurde. Schließlich lud das britische Parlament Murdoch, der gewöhnlich selbst Audienzen gewährt, auch noch wegen der »News of the World«-Affäre zu einer öffentlichen Anhörung vor, wo ihn – um die Schmach vollkommen zu machen – ein Comedian mit Rasierschaum attackierte. Ausgerechnet der kriselnde Kinomarkt, den Murdochs Imperium mit dem Filmstudio 20th Century Fox abdeckt, gibt dem Medienmogul ein wenig Anlaß zu Hoffnung: Im vergangenen Geschäftsjahr konnte die Fox ihre Gewinne um 53 Prozent steigern. Auf dem US-Markt plagen Murdoch derzeit allerdings ganz andere Sorgen. Denn seit der »News of the World«-Affäre zeigt auch das FBI Interesse an seinen Machenschaften. Parallel dazu prüft die amerikanische Aufsichtsbehörde Federal Communications Commission (FCC) gegenwärtig die Vergabepraxis der Sendelizenzen im Kabelfernsehen. Im Nachrichtensektor ist Murdoch mit seinem rechtskonservativen Schlachtschiff Fox News seit über zehn Jahren unangefochten Marktführer. Aber auch hier bläst ihm ein immer schärferer Wind entgegen; die FCC und politische Gegner aus dem demokratischen Lager stellten bereits die moralische Integrität Murdochs in Frage. Dessen amerikanisches Medienkonglomerat, zu dem neben Fox News das »Wall Street Journal«, die »New York Post«, das traditionsreiche Verlagshaus Harper Collins und über 30 lokale Fernsehstationen gehören, hatte sich in der Berichterstattung im »News of the World«-Fall auffällig zurückgehalten. Zwar ist man im Hause Fox News, das mit dem urheberrechtlich geschützten Slogan »Fair and balanced« für sich wirbt, mit solchen Klagen bestens vertraut. Daß der Vorwurf der Parteilichkeit nun aber erstmals rechtliche und damit möglicherweise auch finanzielle Konsequenzen nach sich ziehen könnte, ist ein Gedanke, an den man sich bei Fox erst noch gewöhnen muß.

Richtig rund laufen die Geschäfte schon eine Weile nicht mehr. Seit den Primaries im vergangenen Herbst, bei denen die Republikaner die Kongreßmehrheit eroberten, büßt Murdochs Meinungsmaschinerie kontinuierlich Marktanteile ein. Die Kündigung des rechtskonservativen Posterboys Glenn Beck im Frühjahr verdeutlicht das momentane Dilemma von Fox News. Die jüngere Zuschauerschaft der 25- bis 54jährigen zeigt sich immer weniger beeindruckt vom politischen Fanatismus der rechten Schreihälse. Gleichzeitig gehen dem Sender die Identifikationsfiguren aus. Nach Obamas Sieg bei den Präsidentschaftswahlen im Herbst 2008 hatte Fox einige der aussichtsreichen Kandidaten aus den Reihen der Republikaner (unter anderen Sarah Palin und den strammen Christen Mike Huckabee) als Gastkommentatoren rekrutiert. Doch die Verfilzung von Politik und Medien geht inzwischen selbst Fox-Intendant Roger Ailes zu weit. Außer Beck mußten in den vergangenen Monaten auch Polit-Urgestein Newt Gingrich und Ailes-Protegé Rick Santorum gehen, weil sie öffentlich mit ihren politischen Ambitionen geflirtet hatten.

Solch medienwirksames Theater gehört zum Tagesgeschäft von Fox News. Beck war nicht der einzige durchgeknallte Krawallmacher im Komödienstadl der Fox, das in den vergangenen zehn Jahren das amerikanische Nachrichtenfernsehen tüchtig aufgemischt hat. Der bekannteste von ihnen ist Polittalker Bill O’Reilly, dessen herrisches »Shut up«, mit dem er seinen Gästen noch heute manchmal ins Wort fällt, inzwischen als Klassiker der Fernsehunterhaltung gilt. O’Reilly ist der lauteste Vertreter einer nicht mehr ganz taufrischen Generation von konservativen Kommentatoren, denen die rechte Talklegende Rush Limbaugh politisches Vorbild ist. Fox News fungiert längst als Sammelbecken für diesen Schlag selbsternannter Journalisten, die es mit der (ohnehin heiklen) Trennung von Nachricht und Meinung nicht so genau nehmen.

Die Methoden von Fox-Kommentatoren wie O’Reilly, Beck oder der schrillen Schreckschraube Laura Ingraham sind berüchtigt. Ihr Kollege Sean Hannity war schon als lokaler Radiomoderator mit markigen Sprüchen aufgefallen: Anfang der Neunziger empfahl er den Gästen der Oscar-Verleihung, in Gedenken an die Polizisten, die den Afroamerikaner Rodney King mit ungeheurer Brutalität verprügelt hatten, eine blaue Schleife zu tragen. Größter Beliebtheit erfreut sich bei Fox News bis heute die Denunziation des politischen Gegners durch strategisches Verbreiten von Lügen und »Annahmen«, bis die Fehlinformation fest im Bewußtsein der Fernsehzuschauer verankert ist. »Echoeffekte«, nennt der US-Journalist und Gründer der Watchdog-Organisation Media Matters David Brock diese Taktik. Barack Obama ist die häufigste Zielscheibe solcher Politmythen. O’Reilly & Co. waren auch der Grund dafür, daß Obama sich im Frühjahr veranlaßt sah, seine Geburtsurkunde öffentlich zu machen, um das auf Fox in schöner Regelmäßigkeit kolportierte Gerücht, er stamme aus Afrika, ein für alle Mal aus der Welt zu schaffen. Daß er wahlweise Marxist oder Muslim sei, gilt inzwischen als republikanischer Treppenwitz. Bereits 2003 hatte eine Umfrage von Pipa (Program on International Policy Attitudes) ergeben, daß Fox-Zuschauer im Vergleich zu denen der Konkurrenz CNN, MSNBC oder Bloomberg TV grundsätzlich schlechter oder gänzlich falsch über die Hintergründe des Irakkriegs informiert gewesen seien.

Die politische Agenda von Fox News geht direkt auf Ailes zurück, der sich schon für Nixon, Reagan, Bush Senior und Rudy Giuliani als politischer Wadenbeißer betätigt hat. Nichts geschieht ohne sein Wissen, er ist der Chefideologe hinter den sogenannten Nachrichten, die Fox täglich fabriziert. Doch Ailes ist vor allem ein ausgebuffter Geschäftsmann. Nach der Niederlage der Republikaner bei der Präsidentschaftswahl war es ein cleverer Schachzug, einige namhafte Republikaner vertraglich an den Sender zu binden. Daß dies den Anspruch von »fair and balanced« Nachrichten ad absurdum führte – geschenkt. Die Politik von Ailes ist die Spaltung. Je breiter die gesellschaftlichen Gräben, desto besser waren in der Vergangenheit die Quoten. Die Demission von Beck, der mit seinen erratischen Haßtiraden und seiner religiös-fundamentalistischen Weltanschauung nicht nur Zuschauer, sondern vor allem Werbekunden zunehmend irritiert hatte, könnte nun als Warnsignal zu verstehen sein, daß der harte Konfrontationskurs nicht mehr so gut ankommt. Fox News ist mit seinen flashigen Infographiken, seinen Blockbuster-Nachrichten und den schreienden News-Jingles ein Produkt der Bush-Ära. Kein Sender hat die beispiellose Patriotisierung der amerikanischen Fernsehnachrichten in den nuller Jahren aggressiver vorangetrieben. Vieles deutet mittlerweile aber darauf hin, daß die erdrutschartigen Siege der Republikaner bei den Kongreßwahlen vorerst der letzte große Triumph von Fox gewesen sein könnten.

Man muß Intendant Ailes immerhin zugute halten, daß er das meiste, von dem, was sein Sender verbereitet, tatsächlich glaubt. Diese wahnhaften Register sind der markanteste Charakterzug der derzeitigen politischen Überflieger unter den Republikanern, die fast ausschließlich aus dem aktivistischen Flügel der Tea-Party-Fraktion stammen. Die Tea-Party-Anhänger sind die vielleicht schwerste Bürde, die Ailes sich aufgehalst hat. Der Aufstieg der vermeintlichen Grassroots-Bewegung, hinter der potente Geldgeber wie die milliardenschweren Koch-Brüder David und Charles stecken, ist eng mit Fox News verbunden. Aufsehen erregte im vergangenen Mai die Aussage Sal Russos, Gründer des einflußreichsten Netzwerks Tea Party Express, die Tea Party würde ohne Fox heute gar nicht existieren.

Ailes sind solche Bekenntnisse eher ein Dorn im Auge, er will sich nicht zum Sprachrohr der Republikaner degradieren lassen. Als Beck vor einem Jahr seinen bizarren »Restoring Honor«-Marsch auf Washington veranstaltete, mit dem er durch Zuwendung zu Gott Amerikas »Ehre wiederherstellen« wollte, verfügte der Chef höchstpersönlich, die Berichterstattung auf ein Minimum herunterzufahren. Allerdings hat Ailes in der Vergangenheit auch immer wieder versucht, potentielle Kandidaten nach seiner Façon – wie Mike Huckabee oder Sarah Palin – aufzubauen. Palin allerdings entpuppt sich inzwischen ebenfalls als Problemfall. Nach internen Streitigkeiten befindet sich der Stern der beratungsresistenten Tea-Party-Anhängerin auch innerhalb von Fox News am Sinken. Bei den Nominierungen für die kommende Präsidentschaftskandidatur hat die moderatere Michele Bachmann Palin längst ausgebootet.

Die internen Querelen bei Fox sind Rupert Murdoch nicht verborgen geblieben. 2008 kam es schon einmal beinahe zum Zerwürfnis mit Ailes, als Murdoch in der »New York Post« Obama seinen Favoriten für die Präsidentschaftswahl nannte. Auch Murdochs Frau Wendi ist ein erklärter Obama-Fan; US-Medien berichteten im Mai, daß sie dieses Jahr an einem Fundraising für den demokratischen Wahlkampf teilnehmen werde. Und im Hintergrund lauert der Sohnemann schon darauf, das Erbe des Vaters anzutreten. James Murdoch gilt als politisch moderater als sein Vater, vor allem aber als der modernere Unternehmer. Gut möglich, daß sich mit dem Abgang Rupert Murdochs auch das Profil von News Corp. ändern wird. Denn der Skandal um »News of the World« und der politische Schlingerkurs von Fox News lassen eher vermuten, daß der inzwischen 80jährige schlicht die Übersicht über sein Imperium verloren hat. Wahrscheinlich braucht es nur einen forschen Jungunternehmer vom Schlage James Murdochs, und News Corporation sieht in ein paar Jahren wie jeder andere slicke Medienkonzern aus. Politik wird dann immer noch betrieben. Nur eben nicht mehr auf der Titelseite.

Zurück