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POLITIKBERATUNG (1)

Rettet die Atome! Von Svenna Triebler

Atome sind winzige, unschuldige Teilchen. Manche neigen dazu, zu zerfallen und dabei etwas Strahlung abzugeben, aber das ist kein Problem, denn radioaktive Atome sind auf unserem Planeten selten. Gegen Atome kann schon deshalb niemand etwas haben, weil sich alle Materie - sieht man mal von dem Zeugs ab, das in stellarem Plasma oder Teilchenbeschleunigern so herumfliegt - aus ihnen zusammensetzt. Die sogenannten "Atomgegner" sollten daher die frische Aufmerksamkeit angesichts der durchgehenden Reaktoren in Japan nutzen, um dieses irreführende Attribut loszuwerden. Die wahre Anti-Atombewegung sind schließlich diejenigen, die sich nichts Sinnvolleres vorstellen können, als möglichst viele radioaktive Atome auf einem Haufen zusammenzubringen, damit sie sich durch ihre Strahlung gegenseitig kaputthauen - sei es, um mit der entstehenden Hitze riesige Tauchsieder zu betreiben oder mit der Wucht der Kernenergie im engeren Sinne ganze Städte auszuradieren.

Mit einer Umbenennung in "Atomschützer" könnten die Kernspaltungsgegner vieles bewirken: Zum einen wären damit gerade diejenigen in die Ecke der "Dagegen"-Bewegung (gegen die armen Atome nämlich) gestellt, die dieses Argument als Allzweckwaffe gegen ihre politischen Gegner entdeckt haben; auch wäre es eine schöne Ergänzung der für Konservative attraktiven Reihe "Umweltschutz", "Klimaschutz", "Verbraucherschutz" etc. (Am besten mit dem Hinweis, daß es hier um besonders seltene Atome wie Uran-235 und diverse Isotope des in freier Natur beinahe ausgestorbenen Plutoniums geht.) Unbezahlbar schließlich: damit zu beweisen, daß man von Physik - mindestens! - so viel Ahnung hat wie eine in diesem Fach promovierte Atomspaltungsbefürworterin, der zum Unfallfall Fukushima nichts Besseres einfiel als der Satz, man befinde sich "in Gottes Hand". (Na gut: Merkels Doktorarbeit befaßt sich mit Quantenchemie, und in der Quantenphysik spielen Zufälle die Hauptrolle. Gott kommt dort allerdings nicht vor, im Gegenteil: Einsteins berühmter Ausspruch "Gott würfelt nicht" bezog sich auf seinen Widerwillen gegen die Theorien der Quantenmechanik, obwohl seine eigenen Arbeiten den Grundstein dazu gelegt hatten.)

Wenn es also etwas werden soll mit dem Ausstieg aus der Dr.-Seltsam-Technologie, bevor wieder ein Reaktorkern ein neues Dasein als strahlender Schmelzeklumpen beginnt, dann sollte die Pro-Atombewegung zum Beispiel die artgerechte Haltung von Atomen fordern, die auf zu engem Raum aufeinander losgehen wie gestreßte Legehennen; schön wäre auch der Slogan "Erhalten statt spalten". Und sollte der unwahrscheinliche, quantenphysikalisch aber nicht völlig auszuschließende Fall eintreten, daß Merkel ihre Meinung zu dem Thema um 180 Grad ändert, darf sie das ihrer faktenresistenten Klientel auch gerne unter dem Motto nahebringen: "Gott schütze die Atome."

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