Aktuelles

tl_files/hefte/2019/abo0919start.jpg

To watch this video, you need the latest Flash-Player and active javascript in your browser.

Tomayers Video-Tagebuch

No-Go-Area Deutschland

Filmkritiken

Termine

Gaddafi in Concert

Wladimir Kaminer erinnert sich an den letzten Besuch des libyschen Revolutionsführers in Moskau

Muammar al-Gaddafi kam das letzte Mal vor gut zwei Jahren nach Moskau, davor hatte er 22 Jahre lang Rußland nicht besucht. Er kannte dieses Land aus der Zeit, als es noch Sowjetunion hieß und seine Führer nicht vorhatten, vor dem Westen zu knien. Gaddafi mochte das sozialistische Rußland, es hatte sein Buch übersetzt, obwohl es seine Ideen und seine Theorie von der gemeinsamen Sache nicht ganz teilte. Gaddafi war nämlich davon überzeugt, daß Menschen nur dann eine gerechte Weltordnung schaffen können, wenn sie alle zusammen an diese Sache herangehen - jeder einzelne Mensch und jedes Land, das sich allein einer solchen Herausforderung stellt, ist zum Scheitern verurteilt. Früher oder später werden ihn die Würmer des Kapitalismus zerfressen. Deswegen schlug er damals den Russen vor, sich seiner sozialistischen Dschamahiriyya anzuschließen; die Russen wollten aber nicht. Nun haben sie den Salat. Der Sozialismus kippte und viele der dazugehörigen Länder gaben ihre Ideale nach und nach auf. Gaddafi stand wieder allein auf dem Kampffeld, die sozialistische Welt war beinahe auf die Größe seines Zeltes geschrumpft.

Das machte Gaddafi nicht traurig, er betrachtete sein Leben als Kampf, Streß gibt Farbe. Sein Feind war mächtig, klug, unsichtbar. Er war überall und nirgends. Er konnte jederzeit aus jeder Ecke kommen und zuschlagen, aber Gaddafi war bereit. In das neue postsozialistische Rußland war er nun gekommen, um Gespräche über "wirtschaftliche Kooperationen" zu führen. Dazu durfte er sein Beduinenzelt in einem Park nahe dem Kreml aufschlagen. Es war November, minus zehn Grad, aber die vorausschauenden Libyer wußten, wo sie hinfuhren, und hatten vier große Elektroradiatoren mitgenommen, um die Luft im Zelt von allen Seiten zu erwärmen. Man mußte sogar die Vorhänge des Zeltes ab und zu hochnehmen, damit wieder ein wenig kalte Luft hereinkam, so gut heizten die Radiatoren.

Gaddafi schaute durch die geöffneten Vorhänge und sah eine Menge Menschen, die am Zelt vorbeizogen. Zuerst war er verblüfft, er dachte, die Russen erinnerten sich an ihn und wollten ihn herzlich begrüßen. Doch die Russen interessierten sich wenig für sein Zelt. Sie gingen bloß daran vorbei - zum Parteitagsschloß, einem großen Kulturhaus der russischen Hauptstadt. Genaugenommen ist es ein Konzertsaal, in dem früher die Fünfjahrespläne abgesegnet wurden. Es ist nicht der größte Konzertsaal des Landes, sicher sind die Stadien größer, dafür ist aber das Parteitagsschloß das repräsentativste. Dort dürfen nur besonders berühmte Musiker aus dem Westen spielen. In der Regel sind diese illustren Gäste in ihrer Heimat seit dreißig Jahren aus der Mode.

Die Russen mögen sie dennoch. Wenn man sich die Liste der Musikbands anschaut, die in Rußland in den letzten Jahren gastierten, hat man das Gefühl, in einer Zeitmaschine eine Reise in die Vergangenheit zu unternehmen: Regelmäßig kommen Toto Cutugno, die Skorpions und Boney M. Die Lieblingsband des Präsidenten Medwedew ist Deep Purple, er hat alle Platten von ihr. Sie kommt deswegen gleich zweimal im Jahr nach Rußland, der Konzertbesuch von Deep Purple ist für jeden Apparatschik Pflicht. Die Musiker der Neuzeit, die Eminems und Lady Gagas lassen die Russen kalt. Davon haben sie selbst jede Menge. Sie wollen die Musik hören, die sie damals nicht hören durften, sie wollen die damals verbotenen Platten kaufen, die Musiker live sehen. Die Veteranen des westlichen Popgeschäfts sollen jetzt auf der großen Bühne des Parteitagsschlosses auftreten, damit sich die Russen fragen können, ob es sich gelohnt hat, diese Sänger gegen die Parteitage zu tauschen.

Die Menschen, die an Gaddafis Zelt vorbeizogen, gingen zu einem Konzert von Mireille Mathieu. Sie ist in Rußland sehr berühmt und tourt beinahe jedes Jahr mit Konzerten durch das Land. Die Sängerin hat sogar ein paar Lieder auf Russisch einstudiert. Das Publikum dreht durch, wenn sie mit ihrem erotischen französischen Akzent "Moskauer Abende" anstimmt: "Wenn Sie nur wüßten / wie schön / diese Abende siiind ..."

Während das große Publikum zu Mireille Mathieu ging, traf sich Premier Putin mit Gaddafi im Zelt, um mit ihm über "wirtschaftliche Kooperationen" zu reden. Am liebsten wäre Putin ebenfalls mit einem großen Blumenstrauß zum Konzert gegangen, um sich mit der Sängerin fotografieren zu lassen, das wäre auf jeden Fall eine wirksamere Möglichkeit gewesen, in der Presse zu erscheinen, als mit dem libyschen Oberst in dessen Zelt über "wirtschaftliche Kooperationen" zu reden, die schon längst geklärt waren.

Das, was Gaddafi in Rußland kauft, wird ihm kaum ein anderer auf der Welt verkaufen, geschweige denn preiswerter anbieten. Doch in seiner neuen Rolle als Premierminister war Putin für das Gespräch im Zelt zuständig, er konnte es nicht auf seinen Freund, den Deep-Purple-Fan, schieben. How are you? fragte Putin den Oberst. "Kak pozhivaete?" konterte Gaddafi höflich. Danach breitete sich Schweigen im Zelt aus. Heute spielt bei uns im Parteitagsschloß Mireille Mathieu, führte Putin das Gespräch fort. Eine französische Sängerin, you know?

Der Oberst nickte. Als erfahrener Politiker wußte er nur zu gut, man darf nie seine Unwissenheit zeigen, ganz egal, worum es geht. Natürlich, sagte er, ja snaju, Mireille Mathieu. Dann fahren wir vielleicht zum Konzert? Putin schaute auf die Uhr. Wenn wir uns beeilen, kommen wir noch pünktlich zum zweiten Teil, in dem sie das schöne Lied über die Moskauer Abende singt. Kommen Sie, Oberst, lassen wir die wirtschaftlichen Fragen kurz beiseite und fahren mit meinem Wagen hin, lächelte Putin. Hat Ihr Wagen ein Loch im Boden? fragte Gaddafi. Seit dem Angriff der Amerikaner auf ihn 1986 stieg er in kein Auto mehr ein, das kein Loch im Boden hatte. Damals, als die Amerikaner sein Haus und sein Auto aus der Luft angriffen, konnte er sich nur durch dieses Loch seines Wagens retten, das sein Sicherheitsberater ihm vorsichtshalber eingebaut hatte. Jedes Auto sollte mindestens zwei Löcher haben, sagte der kluge Berater, eins oben und eins unten. Er selbst kam dann bei dem Angriff der Amerikaner ums Leben. Nein, sagte Putin, mein Wagen hat keine Löcher, er ist aber doppelt gepanzert. Dann können wir nicht mit Ihrem Wagen fahren, sagte Gaddafi, das ist zu gefährlich. Es ist gar nicht gefährlich, lächelte Putin, es sind doch nur fünfhundert Meter vom Zelt bis zum Konzertsaal. Gehen wir zu Fuß, wenn es mit dem Auto nicht klappt ... Putin war Feuer und Flamme, er wollte unbedingt ins Konzert.

Sie gingen zu Fuß zum Parteitagsschlößchen, wo Mireille Mathieu volle Pulle das Publikum anheizte. In der Pause betraten sie das Gebäude und gingen gleich in die Garderobe, um die Sängerin persönlich zu begrüßen. Zwei Frauen standen im Raum: eine alte, stark geschminkte Brünette und eine junge, stark geschminkte Brünette. Die alte Brünette war Mireille Mathieu, sie ist wie meine Schwiegermutter Jahrgang 1946, die junge Brünette war ihre Dolmetscherin. Darf ich vorstellen, sagte Putin, Oberst Muammar al-Gaddafi - Mireille Mathieu. Gaddafi hielt die alte Brünette wahrscheinlich für die Mutter von Mireille Mathieu. Er sprang sofort auf die Dolmetscherin zu, küßte ihr die Hand und erzählte, er sei ein großer Fan und Bewunderer ihrer Kunst. Die Dolmetscherin war sprachlos.

Mireille Mathieu kannte Gaddafi anscheinend auch nicht, die Politiker Nordafrikas lagen außerhalb ihrer Interessen. Die Dolmetscherin kannte ihn jedoch. Putin klärte den Oberst darüber auf, wer wer war. Den ganzen zweiten Teil des Konzerts saß Gaddafi in der ersten Reihe und hörte mit geschlossenen Augen, wie eine Menge Leute im Karaoke-Verfahren ein langes russisches Lied jodelten, während eine alte Dame auf der Bühne angestrengt lächelnd die Hände hin und her schwenkte. Wahrscheinlich war dieses Konzert für Gaddafi eine Folter, er nahm sie aber auf sich, er war ein Mann der Wüste und konnte viel aushalten. Anschließend lud er alle zu sich ins Zelt auf einen Tee ein. Das Publikum applaudierte im Stehen allen dreien zu, es hatte eigentlich Karten nur für Mireille Mathieu gekauft, bekam nun aber zusätzlich und ohne Mehrkosten noch den lebendigen Gaddafi und den ebenso lebendigen Putin dazu.

Später im Zelt fragte Mireille Mathieu, warum Gaddafi eigentlich Oberst war und kein General. Weil es in seinem Land niemanden gebe, der ihn zum General befördern könnte, witzelte Gaddafi. Auf den Rang komme es nicht an, mischte sich Putin ein. Ich bin zum Beispiel auch Oberst und strebe keine zusätzlichen Sterne an. Oh! Dann sitze ich jetzt zwischen zwei Obersten und habe einen Wunsch frei, freute sich Mireille Mathieu. Bei uns in Frankreich gibt es nämlich folgenden Aberglauben: Wenn man zwischen zwei Obersten sitzt, hat man einen Wunsch frei. Das gibt es bei uns in Rußland auch, bestätigte Putin. Ich darf aber den Wunsch niemandem verraten, sagte Mireille Mathieu, sonst geht er nicht in Erfüllung. Es war eine kalte, leise, dunkle Nacht, nur die elektrischen Radiatoren glühten im Zelt, und man konnte durch die halb geöffneten Vorhänge einige Sterne am Himmel sehen. Mireille Mathieu schaute zu den Sternen auf und überlegte sich einen Wunsch. Den beiden Obersten verriet sie nichts.

Wladimir Kaminer hat 2010 den Prosaband Meine kaukasische Schwiegermutter veröffentlicht

Zurück