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Hendrix in der Wüste

Nicht »das Fremde«, sondern eine globale Popkultur jenseits der großen Plattenindustrie gibt es auf dem Label Sublime Frequencies zu entdecken.

Von Felix Klopotek

Weltmusik« ist ein dümmlicher Nicht-Begriff, weil er eine Restkategorie bezeichnet. Musik, die nicht aus dem Westen kommt und mit einer regionalen Tradition verwachsen ist, ist Weltmusik. Gemeinsamkeiten der Weltmusiken untereinander: keine.

Das Label Sublime Frequencies und seine Produzenten Alan Bishop und Hisham Mayet verlegen aber tatsächlich: Weltmusik. Nicht den handelsüblichen Ethnokitsch, der mehr mit westlichen Konsumentenprojektionen als mit der realen Musik vor Ort zu tun hat. Getrieben sind sie von einer unstillbaren Neugier auf das, was wirklich in allen möglichen Ecken der Welt gespielt wird, zum Beispiel Drum ’n’ Bass aus Syrien, Barmusik aus Singapur, Underground-Rai aus Algerien, Gitarrensoli des ägyptischen Jimi Hendrix Omar Khorshid. Wer sich von der exotischen Anmutung verführen läßt, liegt schon daneben. Es geht in erster Linie um Ekstase, Entgrenzung, enthusiasmierende Sounds – lauter gute, alte Rock- und Soulstrategien. Diese Musiken sind »uns« viel näher, und wer sich auf die CDs und LPs des Labels einläßt, entdeckt nicht »das Fremde«, sondern eine globale Popkultur jenseits der großen Plattenindustrie und ihrer Verwertungsketten.

Das spiegelt sich auch in den Aufnahmen selbst wider: in erster Linie hastig arrangierte Live-Mitschnitte, die den Charme scheppernder Punksingles verströmen. Sublime Frequencies dokumentiert einen Klangtransfer, der andersherum strömt: Westlicher Rock samt seinen Posen und Anekdoten wird adaptiert. Aus der Sicht einer Tuareg-Band wie der Group Inerane sind die Rolling Stones ein ganz passabler, nun, Weltmusik-Act.

Ein Schwerpunkt von Sublime Frequencies ist die Dokumentation saharischer Musik. Die Reise Hisham Mayets beginnt in Marrakesch, der größten Stadt im Süden Marokkos. Auf dem Djemaa el Fna, dem zentralen Marktplatz – zugleich eine der weltweit größten Freilichtbühnen und von der Unesco geadelt als »Meisterwerk des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit« –, hat er »Ecstatic Music« aufgenommen: Straßenmusiker treffen sich in immer neuen Konstellationen zu Sessions, die keinen Anfang und kein Ende kennen. Die alten Saiteninstrumente werden elektrisch abgenommen und klingen durch die häufig selbstgebauten Verstärker schrill verzerrt, man assoziiert Noise-Musik aus Brooklyner Lofts oder DJ-Sets aus dem Berliner Berghain: Die Musiker spielen keine Stücke, treten nicht als festes Ensemble auf, sondern entspinnen ein schier endloses Band, in dem sich Call-and-Response-Gesänge und sehr krachende Ausflüge von Solisten mischen.

Etwa 1.000 Kilometer südlich von Marrakesch beginnt die Westsahara. Seit 1975 hält Marokko dieses Land besetzt, seitdem herrscht Krieg zwischen der Besatzungsmacht und den dort lebenden Nomaden, die sich großteils in der (sich nominell nach wie vor als sozialistisch verstehenden) Frente Polisario organisieren. Die Vertreibung und Umsiedlung der einheimischen Bevölkerung, der Raub von Bodenschätzen, die ungeschminkte Unterdrückung selbst zivilen Ungehorsams dauern unvermindert an – wobei sich Marokko sicher sein kann, daß darüber im Westen kaum einer spricht. Es ist erstaunlich, daß die westsaharische Group Doueh dieser trostlosen Situation eine freie, offene, glasklare Musik abringt, die traumwandlerisch den Übergang von traditionellen Songs zum Psychedelic Rock Hendrix’ vollzieht. Gitarrist und Bandleader Bamaar Salmou (Künstlername: Doueh) bedient sich aller erdenklichen klassischen Rockeffekte – inklusive des Hendrix-Gimmicks »Gitarre hinterm Kopf halten und weiterspielen« –, läßt aber nicht eine Sekunde von seiner stoischen Haltung. Die Rockposen adaptiert er schnörkellos als Momente einer einheitlichen musikalischen Form. Der Verfremdungseffekt läßt staunen, Douehs Musik kommt ohne Erlöserpose aus. Im Gegenteil, Jamaal Bamaar, einer seiner Söhne (die Group Doueh ist eine reine Familienangelegenheit), spielt Synthesizer und läßt dessen ölige Pre-Set-Sounds unvermittelt auf die nichttemperierte Musik seines Vaters resp. seiner Mutter Halima Jakani, die die erste Stimme singt, prallen. Das klingt wirklich schräg (»Was nicht paßt, wird passend gemacht.«), ändert aber nichts an der ultralakonischen Haltung der Musiker, auch nichts an den krassen Gitarrensoli, die (Gibt es das?) wie eiskalte LSD-Phantasien klingen.

Noch weniger bekannt als der Westsahara-Krieg ist der Aufstand der Tuareg, ebenfalls saharische Nomaden, die aber 4.000 Kilometer weiter westlich, hauptsächlich in Mali und im Niger, leben. Wer aufmerksam die internationale Presse liest, erfährt von dem Kampf um Schürfrechte (auf Stammesgebieten der Tuareg hat man stattliche Uranvorkommen entdeckt), von der militärischen Blockade Agadez’, der Hauptstadt der Tuareg im Niger, von Friedens- und Waffenstillstandsabkommen, die immer dann hinfällig werden, wenn gegen die vertragsschließende Regierung Nigers geputscht wurde. Die Musiker sind tatsächlich die internationalen Botschafter der Tuareg, und einige von ihnen, wie die malischen Tinariwen (die am 6. Oktober in Köln und am 21. Oktober in Berlin gastieren), sind zu Weltruhm gelangt.

Mayet konnte in Agadez Konzerte der Groups Inerane und Bombino mitschneiden. Beide Bands repräsentieren die dritte Generation von Tuareg-Rockbands, wobei Ineranes Bandleader Bibi Ahmed eine harte, sehr konzentrierte, monotone Variante spielt, während Bombino (Oumara Moctar) eine lyrische, fast schon klassische Singer/Songwriter-Seite zeigt. Die Grundlage ihrer Auftritte ist rituelle Musik, die sie in ihren Familien gelernt haben. Rock ist hier der Katalysator, um die Musik aggressiver zu machen. Aber nicht destruktiver – hier klingt nichts nach Haß und Verachtung. Im Gegenteil, der Eindruck ist durchweg warm, freundlich, einladend. Auf Youtube kann man sich Clips von Konzerten aus Agadez anschauen, bei denen Leute aus dem Publikum den Gesang übernehmen oder auf der Bühne tanzen. Nach den Maßstäben der Kulturindustrie wäre Bombino als Star zu bezeichnen. Aber wahrscheinlich ist er einfach nur beliebt, ein dufter Typ, der ein bißchen besser Gitarre spielt als die anderen. Und die Kids aus der Nachbarschaft freuen sich, wenn er mal wieder vorbeischaut und ein Konzert gibt.

Various Artists: “Ecstatic Music of the Jemaa El Fna”; Group Doueh: “Treeg Salaam”; Group Bombino: “Guitars from Agadez, Vol. 2”; Group Inerane: “Guitars from Agadez, Vol. 3” (alle: Sublime Frequencies)

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