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Jetzt stellnwer uns mal janz dumm

Die einen leugnen den Holocaust, die anderen das Internet.

Von Florian Sendtner

"Ich höre, daß aufmerksames Verfolgen der im Internet zugänglichen Nachrichten es ermöglicht hätte, rechtzeitig von dem Problem Kenntnis zu erhalten. Ich lerne daraus, daß wir beim Heiligen Stuhl auf diese Nachrichtenquelle in Zukunft aufmerksamer achten müssen." Ein 81jähriger Mann entschuldigt sich vor der Welt, daß er hinter den hohen Mauern des Vatikan internetmäßig ein bißchen zurückgeblieben ist. Das war im März 2009: Joseph Ratzinger hatte die 1988 erfolgte Exkommunikation der vier Lefebvre-Bischöfe zurückgenommen, gleichzeitig war ein Interview mit Richard Williamson, einem der vier, um die Welt gegangen, in dem sich der britische Piusbruder als strammer Antisemit und notorischer Holocaustleugner präsentiert. Die halbe Welt schlägt die Hände über dem Kopf zusammen, allein der feinsinnige Theologe Ratzinger will's nicht gewesen sein: Wie hätte er ahnen können, wen er da wieder in den Schoß der hl. Mutter Kirche aufnimmt? So abgeschirmt von der Welt und, wie gesagt, ohne Internet?

Heute muß man zur Verteidigung Seiner Heiligkeit sagen: Auch das Amtsgericht der Papststadt Regensburg scheint sich nicht fürs Internet zu interessieren. Zumindest hielt Richterin Karin Frahm dem abwesenden Angeklagten Williamson, den sie der Volksverhetzung schuldig sprach, in ihrer Urteilsbegründung zugute, als älterer Herr sei er vermutlich mit den modernen Medien nicht so vertraut und habe deshalb nicht damit rechnen können, daß das Interview, das er dem schwedischen Fernsehen gab, auch im Internet zu sehen sein würde. Hätte die Richterin, die den ursprünglichen Strafbefehl von 12.000 Euro auf 10.000 ermäßigte, den Namen Richard Williamson mal gegoogelt, hätte sie erfahren, daß der achso weltfremde ältere Herr seit Jahren einen eigenen Blog betreibt. Auch der Staatsanwaltschaft war das entgangen - sie hatte für ihre Ermittlungen ja auch nur 14 Monate Zeit. Immerhin attestierte Oberstaatsanwalt Edgar Zach dem auf seiner Internetseite dinoscopus.blogspot.com gegen die jüdische Weltverschwörung geifernden Wanderbischof, wie alle Holocaustleugner von einem "fast pathologischen Mitteilungsdrang" getrieben zu sein.

Ein Blick in den Zuhörerraum des Gerichtssaals bestätigte das. Die zahlreichen Klerikalfaschisten schmückten sich mit der Engländerin Michele Renouf. Das einstige Model und Jet-Set-Mitglied stand schon David Irving bei seinen Prozessen bei. Als Williamson am 25. Februar 2009, von Argentinien ausgewiesen, in London landete, wurde er von David Irving und Michele Renouf empfangen. Renouf leugnet nicht nur den Holocaust, sondern auch die Existenz von Jesus, was Williamson wohl bloß noch nicht gegoogelt hat. Vielleicht aber verbindet der gemeinsame Haß auf die Juden mehr, als nebensächliche Meinungsverschiedenheiten trennen könnten.

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